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Unabhängigkeitsreferendum:Gleichzeitig Schotte und Brite

Die Schotten stimmen für Großbritannien. Aber wieso? Trotz Ablehnung der Unabhängigkeit wird sich Schottland und mit ihm das Vereinigte Königreich fundamental verändern, erklärt SZ-Korrespondent Christian Zaschke in einer ersten Einschätzung aus Edinburgh.

Von Hannah Beitzer

Erleichterung in London: In Schottland haben sich die Bürger in einem Referendum gegen eine Abspaltung vom Vereinigten Königreich entschieden. 55 Prozent der Wähler stimmten gegen die Unabhängigkeit. Das Land bleibt damit Teil Großbritanniens.

Die Mehrheit der Schotten ist gegen eine Unabhängigkeit ihres Landes. Warum?

Christian Zaschke: Die Mehrheit der Schotten hat ohnehin kein Problem damit, sich gleichzeitig als Schotte und als Brite zu fühlen. Aber auch die Unsicherheit dürfte eine Rolle gespielt haben: Es war zum Beispiel bis zum Schluss nicht klar, in welcher Währung ein unabhängiges Schottland bezahlen würde. Die Schotten sind eine Nation von Hauskäufern, was heißt, dass viele Leute Kredite aufgenommen haben. Nicht zu wissen, in welcher Währung man diese zurückzahlt, erschien vielen als zu großes Risiko. Es hat aber auch eine Rolle gespielt, dass die Regierung in London dem schottischen Regionalparlament kurz vor der Abstimmung mehr Kompetenzen versprochen hat.

Wie ist jetzt die Stimmung bei den Nationalisten?

Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond, Chef der Scottish National Party, spricht jetzt in erster Linie davon, dass immerhin 1,6 Millionen Schotten, 45 Prozent der Wähler, für die Unabhängigkeit gestimmt haben. Das hätte vor einigen Jahren, selbst vor einigen Wochen, niemand gedacht. Er sagt außerdem: Wenn man sich auf eine Reise begibt, dann muss man hin und wieder schauen, wo man steht.

Heißt das, er will einen weiteren Anlauf zur Unabhängigkeit vorantreiben?

Er deutet zumindest an, dass er diesen Weg gehen will. Einen neuen Versuch wird es sicher nicht in allzu bald geben. Aber einen Schritt in Richtung mehr Unabhängigkeit hat Schottland gemacht: Der britische Premier David Cameron hat eine Verschiebung von Kompetenzen an das Parlament in Edinburgh - das Holyrood - versprochen. Hinter dieses Versprechen, das er kurz vor dem Referendum gegeben hat, kann London nicht mehr zurück.

Was bedeutet das Ergebnis für Schottland?

Die Befürworter der Unabhängigkeit haben sehr stark mit der Idee geworben, ein gerechteres Land zu schaffen. Wenn jetzt, wie von London versprochen, mehr Kompetenzen an das Regionalparlament in Edinburgh gehen, zum Beispiel in der Steuererhebung und der Verteilung von Sozialleistungen, ist das möglich. Das kann beispielhaft für ganz Großbritannien werden.

Inwiefern?

Es ist gut möglich, dass die Regionalparlamente in Wales und Nordirland ähnliche Kompetenzen verlangen. Im Prinzip könnten auch andere Regionen wie der Norden Englands Ähnliches fordern. Ein Problem ist: Zwar können nach wie vor schottische Abgeordnete in Westminster über englische Angelegenheiten entscheiden, englische Abgeordnete aber nicht über das, was in Schottland passiert. Dafür muss sich London eine Lösung überlegen. Langfristig könnte das Land viel föderalistischer werden.

© Süddeutsche.de/beitz/lala
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