Schnee Na und?

Ramsau am Dachstein: viel Schnee, viel Ruhe.

(Foto: Harald Schneider/dpa)

Es ist Januar. Es schneit. Und alle drehen durch. Nur, weil es - wie üblich im Winter - schneit? Die hoch technisierte Gesellschaft hat ein gelinde gesagt problematisches Verhältnis zu minimalen Abweichungen aller Art entwickelt.

Kommentar von Alex Rühle

Am Mittwoch brachte die ARD im Anschluss an die "Tagesschau" einen "Brennpunkt" zum "Schneechaos". Knapp acht Millionen Zuschauern sahen dabei zu, wie ein Reporter die Tatsache umschrieb, dass es in der oberbayerischen Jachenau im Winter schon mal kräftig schneien kann. Der Mann hatte sich für seinen dramatischen Bericht neben einer freigeräumten Straße im Schnee ein Loch gegraben, aus dem er jetzt live vom Leben am Limit berichtete: Menschen, die einander Eier leihen. Und Klopapier! Menschen, die für ein paar Tage nicht in die Schule gehen. Menschen, die übrigens allesamt frohgemut, kerngesund und achselzuckend Sätze sagten in Richtung: Passt schon. Nur Geduld. Oder auch "Mir gfoit's."

Es ist Januar. Es schneit. Und alle drehen durch. Die Autos. Die Stadtbewohner. Wir Medien. "Schneechaos" gibt es nicht in der Natur. Da gibt es Schnee, mal mehr, meist weniger. Schnee ist so etwas Ähnliches wie gefrorener Regen. Wenn mehr davon fällt und es unter null Grad hat, bleibt er mitunter eine Weile lang liegen. Zum Chaos führt der Schnee nur da, wo der Mensch sich breitgemacht hat - in Städten, auf Straßen und Flughäfen, in Winterskiorten.

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Der einzelne Mensch hat Anwälte, die die Schule verklagen, wenn das Kind auf dem Schulweg hinfällt. Er hat eine Versicherung, die ihm gefälligst jeden Schaden zu ersetzen hat, wenn er bei Glatteis mit seinem SUV in den Vordermann brettert. Und er hat Termine, die so durchgetaktet sind, dass jede Viertelstundenverzögerung eine mittlere Katastrophe darstellt.

Solange es aber einfach nur vor sich hinschneit: Geht raus!

Die hoch technisierte Gesellschaft hat ein gelinde gesagt problematisches Verhältnis zu minimalen Abweichungen aller Art entwickelt. Wetter können wir uns bei unserem streng durchgeplanten Alltag und mit unserem irrsinnigen Lebensradius nur noch als störungsfreie Hintergrundkulisse leisten. Was uns die Erde ja freundlicherweise auch die meiste Zeit über zur Verfügung stellt.

Die Menschheit rauscht auf dieser winzigen tropfenblauen Kugel durchs All. 12 000 Jahre lang durfte sie ein Klima genießen, so mild und beständig, dass wir uns immer weiter ausbreiten konnten, bis in die tiefsten Gebirgstäler, ja einige sogar bis in die oberbayerische Jachenau. Das frenetische Kohlendioxidverbrennen, das tägliche Berufspendeln, die Vielfliegerei und der kollektive Konsumismus ändern das gerade. Man könnte ja inmitten des "Schneechaos" auch mal anfangen, darüber nachzudenken, wie das alles erst wird, wenn die Amplituden tatsächlich größer werden, sprich wenn die außerordentlich milden Parameter der vergangenen 12 000 Jahre nicht mehr gelten sollten.

Es ist Januar. Es schneit. Die Menschen haben Schneefräsen, warme Wohnungen, Fernsehen. Und wenn tatsächlich brennpunktwürdige Situationen eintreten sollten, dann gibt es Helikopter, Notärzte und das Technische Hilfswerk. Solange es aber einfach nur vor sich hinschneit: Geht raus! Die Winterlandschaft ist wunderschön. Aber passt auf, dass ihr nicht hinfallt! Und zieht euch was an, es könnte sein, dass ein Wind weht. Eiskalt. Abends wird es übrigens sehr früh dunkel. Und bald kommt das Frühjahr. Es wird regnen. Und tauen. Die Flüsse werden für einige Zeit mehr Wasser führen als gewöhnlich. Und wenn dann erst der Sommer kommt ...

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