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Schleswig-Holstein:Segel setzen mit Kurs Berlin

SSW entscheidet über Spitzenkandidaten

"Hier kommt der Norden": SSW-Spitzenkandidat Stefan Seidler rechnet sich gute Chancen aus, in den Bundestag gewählt zu werden.

(Foto: Axel Heimken/picture alliance/dpa)

Der Südschleswigsche Wählerverband versucht nach 60 Jahren, wieder in den Bundestag einzuziehen. Die Vertreter der dänischen und friesischen Minderheit finden, ihre Region komme da bisher zu kurz.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Ein Wikingerschiff haben sie sich als Logo für ihr Abenteuer ausgesucht, "Mission Bundestag" steht im blauen Segel oder "Moin Berlin", und darunter: "Hier kommt der Norden." So will der Südschleswigsche Wählerverband, der SSW, nach fast 70 Jahren in die große Politik zurücksegeln.

Der Kandidat Stefan Seidler fährt gerade im Auto heim, er war mit dem Kieler Landesjustizminister bei Gesprächen in Kopenhagen. Jetzt steht er auf der Autobahn A 7 an der Grenze, die beide Länder seit einem Jahrhundert in dieser Gegend trennt und verbindet. "Sieht gut aus", sagt er in die Freisprechanlage. Er meint die Wahlchancen, nicht den Stau.

Wenn alles nach Plan läuft, dann wird Stefan Seidler, 41 Jahre alt und seit 2014 Dänemark-Koordinator der Landesregierung von Schleswig-Holstein, Ende September für den SSW ins Reichstagsgebäude einziehen. Seine Partei hat ihn an die Spitze ihrer Liste gesetzt, und man geht davon aus, dass 50 000 bis 60 000 Stimmen genügen werden. Vielleicht sogar deutlich weniger, je nach Überhangmandaten. Denn der Südschleswigsche Wählerverband ist ein historischer Sonderfall, von der Fünf-Prozent-Hürde befreit.

Glasfaser, Straßen und Kooperation mit den Dänen hat der Kandidat auf dem Plan

Entstanden war die Vertretung der dänischen und friesischen Minderheit, die heute aus gut 50 000 Menschen besteht, nach dem Krieg. Für den Bundestag reichte es nur 1949, Hermann Clausen bekam seinerzeit bis 1953 einen einsamen Sitz. Nach 1961 versuchte es der SSW gar nicht mehr. Jetzt soll es ein Comeback geben, 60 Jahre nach der letzten Bewerbung.

In Schleswig-Holstein ist dieses politische Phänomen eine feste Größe mit derzeit ungefähr 3300 Mitgliedern, mehr als die dortige FDP, die immerhin den Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Kubicki stellt, und nur knapp weniger als die Grünen zwischen den Meeren. Dem Landtag gehört der SSW seit Jahrzehnten an, aktuell mit drei Abgeordneten. Bis zum Wahlsieg von Daniel Günthers CDU 2017 war der SSW sogar fünf Jahre lang Teil der SPD-geführten Küstenkoalition, mit Anke Spoorendonk als Justizministerin und stellvertretender Ministerpräsidentin.

Überregional fiel das Kürzel SSW vor allem auf, als es 1987 nach dem Tod von Uwe Barschel um einen Nachfolger als Regierungschef von Schleswig-Holstein ging. Karl Otto Meyer, lange der einzige SSW-Vertreter im Parlament, weigerte sich damals, einen neuen CDU-Ministerpräsidenten zu stützen. Die Neuwahlen gewann dann Björn Engholm von der SPD, der Barschels Rivale gewesen war.

Über eine bundesweite Kandidatur wie einst wurde beim SSW immer wieder debattiert. Auch diesmal gab es Widerstand, schließlich setzte sich die Mehrheit der Befürworter beim Parteitag durch. "Nur wenige Bundestagsabgeordnete wissen heute noch, warum es nationale Minderheiten in Deutschland gibt und warum diesen ein Recht auf Schutz und Förderung zusteht", schreiben im Wahlprogramm Parteichef Flemming Meyer, der Sohn des verstorbenen Urgesteins Karl Otto Meyer, und der Spitzenmann Stefan Seidler.

Neben der etwas größeren CSU wäre der SSW die zweite Regionalpartei unter der Berliner Kuppel. Stefan Seidler regt es auf, dass Bayern im Bundesverkehrswegeplan für 2030 mit 325 Initiativen vorkommt und Schleswig-Holstein nur mit 22. Er ärgert sich auch über die hohen Strompreise im Norden, obwohl dort mehr Windräder stehen als im Süden. Man sei in Berlin zuletzt wirklich zu kurz gekommen, sagt Seidler, "die Leute hier haben die Schnauze voll".

Stefan Seidler kam in Flensburg zur Welt, ging auf dänische Schulen und machte sein Diplom in politischer Kommunikation in Aarhus. Er besitzt beide Staatsbürgerschaften, spricht Deutsch wie Dänisch, seine Familie lebt auf beiden Seiten der Grenze. Um Straßen will sich der SSW-Bewerber für den Bundestag kümmern in der Grenzregion, um Glasfaserkabel, um Projekte und Zusammenarbeit. Er schätzt das skandinavische Modell von Sozialstaat und Miteinander, vom nachhaltigen Wachstum.

Deutschland und Dänemark gehen da oben ineinander über, einerseits. "Gute Nachbarn", sagt Seidler. Andererseits spannten die Dänen einen Wildschweinzaun und begannen außerdem, im Zuge der Migrationskrise 2015 an der Grenze stichprobenhaft zu kontrollieren, was Pendler und Urlauber nervt.

Am Wochenende war Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf Einladung von Dänemarks Königin Margrethe II. und Ministerpräsidentin Mette Frederiksen in dem Revier, zum nachträglich begangenen 100. Jahrestag der Grenzziehung 1920 zwischen dem dänischen Nordschleswig und dem deutschen Südschleswig. Steinmeier brachte Claus Ruhe Madsen mit, den dänischen Oberbürgermeister von Rostock. Madsen ist gerade der bekannteste Politiker Dänemarks in Deutschland. Stefan Seidler hofft, "dass ich das bald bin".

© SZ/bac
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