Rote Flora Hamburgs Oase des Unfriedens

Immer wieder geraten Anhänger der Roten Flora und Polizeibeamte aneinander.

(Foto: dpa)

Nach dem G-20-Gipfel wurde die Rote Flora als Keimzelle der Krawalle beschuldigt. Ein Jahr später gibt es das linke Kulturzentrum immer noch - weil die Betreiber ein eigenes Militanz-Modell entwickelt haben.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Ein Jahr nach den Krawallen, ein Sommerabend. An der Straße Schulterblatt herrscht das beschauliche Durcheinander aus Farben, das viele Hamburger am Schanzenviertel so mögen. Die Tische vor den Gaststätten sind voll. Auf der Betonbahn hinter der Roten Flora klackern die Skateboards. Und die Rote Flora selbst, das berühmte linksautonome Kulturzentrum, wirkt auch so, als habe es die Ausschreitungen beim G-20-Gipfel im Juli 2017 nie gegeben: Wie ein Monument der Widerspenstigkeit ruht sie im Feierabendverkehr, vollgehängt, besprüht und zugekleistert mit Parolen gegen das, was ihre Anhänger staatliche Willkür nennen.

Halb acht am Seiteneingang. Das war der Vorschlag von Klaus Waltke, den das Flora-Plenum autorisiert hat, über G 20 aus Sicht des Kollektivs zu reden. Er tritt pünktlich aus dem Gebäude und winkt.

Jahrestage sind ein guter Anlass, um Geschichten fortzuschreiben. Was war? Was folgte daraus? Das sind zwölf Monate nach den gewaltvollen Sommertagen beim Treffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer die Fragen, die sich stellen. Die Rote Flora gerät dabei immer wieder in den Blick, denn sie ist das sichtbarste Symbol des linksautonomen Widerstands. Sie steht für den Geist der Anti-Bürgerlichen, seit im November 1989 Aktivistinnen und Aktivisten das leere Musical-Theater am Schulterblatt besetzten. Sie war in den Gipfeltagen ein Blickfang der No-G-20-Bewegung. Sie steckte hinter der Welcome-to-Hell-Demonstration, bei der es zu wilden Auseinandersetzungen zwischen Polizei und schwarzem Block kam.

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Und als die Krawalle eskalierten, Autos brannten, Barrikadenfeuer im Schanzenviertel loderten und Halbstarke Läden plünderten, zeigten viele schnell auf die Rote Flora: Die war's. Der damalige Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) tadelte sie scharf. Die CDU forderte die Schließung. Für manche sah es so aus, als könnte G20 der Anfang vom Ende einer Institution sein, welche die Polizei seit bald drei Jahrzehnten mit Argwohn und die freigeistige Nachbarschaft fasziniert beobachteten.

Und heute? Am Mittwoch war die vorletzte Sitzung des Sonderausschusses, der die G-20-Ausschreitungen aufarbeiten soll. Es ging um Linksextremismus. Wer auf harte Erkenntnisse die Rote Flora betreffend hoffte, wurde enttäuscht. Über 3000 Verfahren hat die Soko Schwarzer Block der Polizei in den vergangenen zwölf Monaten angeschoben, 800 Beschuldigte namentlich ermittelt. Sie weiß mittlerweile, dass die Gewaltspirale vor allem von bestens vorbereiteten Zugereisten ausging. Die lokalen Strukturen der Protestbewegung halfen diesen sehr. Aber strafrechtlich liegt bisher nichts vor gegen Hamburgs linke Zellen. Die hartnäckigen Nachfragen zur Flora beendete Soko-Leiter Jan Hieber mit den Worten: "Wenn wir etwas im polizeilichen Hellfeld gehabt hätten, hätte ich es jetzt gesagt."

Die Rote Flora hat nie so getan, als sei sie harmlos

Klaus Waltke wundert es natürlich nicht, dass die Ermittlungen nichts Belastendes ergaben. Er sitzt in einem Werkraum des liebevoll vernachlässigten Flora-Gebäudes. Die Rote Flora hat noch nie so getan, als sei sie harmlos. Ihre Vorstellung von Weltverbesserung richtet sich gegen Obrigkeit, Besitz, Hierarchie. "Wir sind ein vielfältiges, amorphes Kollektiv von verschiedenen Leuten, die hier in einem gemeinsamen, anstrengenden Prozess einen Konsens herstellen über das, was wir tun wollen." Und Waltke erklärt umstandslos, was sie beim G-20-Gipfel wollten: "Wir waren zentraler Teil der Gipfelproteste. Wir haben uns bemüht, verschiedene Bausteine dazu anzubieten." Camp, Konzert, mobile Volksküche, Infocafé, Sanitätsposten, inhaltliche Veranstaltungen, besagte Welcome-to-Hell-Demonstration. Vieles davon klappte, anderes nicht. Das Camp scheiterte an der Polizei, die Demonstration wurde zum Fiasko, und als klar war, dass auf den Straßen die Gewalt losbrach, beschränkte sich der Flora-Betrieb auf den Sanitätsposten.

Aber die Vorstellung vieler Kritiker, dass die Rote Flora eine Art Befehlszentrale sei, die eine Armee aus Gewaltbereiten lenke, amüsiert Waltke. So schlichte Strukturen kennt das linke Spektrum nicht. Es ist zerfasert in konkurrierende Bewegungen, in Hamburg sind das laut Verfassungsschutz hauptsächlich drei: neben der Roten Flora die Interventionistische Linke und der Rote Aufbau Hamburg. Die G-20-Abneigung hatte die Flora mit diesen gemein, Einfluss auf deren Aktionen nicht - und schon gar nicht auf jene Gewalt-Choreografie der ausländischen Extremisten, die während des Gipfels Schrecken verbreiteten. "Wir kennen die Leute von der Elbchaussee nicht", sagt Waltke, "aber im Gegensatz zur Soko Schwarzer Block interessiert es uns auch nicht."