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Sozialismus:Luxemburg kämpfte entschieden gegen jeden Nationalismus

Diese Grundpositionen waren Verstaatlichung von Produktionsmitteln, Bildung von Genossenschaften, Trennung von Kirche und Staat, kostenlose Schulbildung. Wobei sie unter Bildung immer humanistische Bildung verstand; die "Internationale" sang sie so gerne wie Arien aus Mozarts "Figaro" oder die Lieder des Romantikers Hugo Wolf, und weil sie das alles schön durcheinander und laut und sogar nachts auf der Straße sang, blieb sie auch dabei, was sie immer war: Eine große Ruhestörerin.

Dennoch: Wo sie ihre Zeitgenossen nervte, geschah das nahezu in aller Unschuld. Sie war das Gegenteil einer Krampfhenne, sie glühte nur für ihre Ziele, und sie glaubte zu wissen, wie sie durchzusetzen waren: durch Demonstrationen, Steuerverweigerungen und Streiks. Vor allem die Überzeugung vom spontanen Massenstreik als wirksamstem politischen Instrument brachte sie immer heftiger in Konflikt mit etablierten Sozialdemokraten und um ihre Kontrolle fürchtende Gewerkschaftler. Individuellen Terror dagegen lehnte sie bis zuletzt vehement ab.

Als Vaterlandsverräterin für vogelfrei erklärt

Rosa Luxemburg glaubte, und das war zu ihrer Zeit noch nicht verkehrt, an das Proletariat als Subjekt der Geschichte. Dass das Proletariat als internationale Interessengemeinschaft agieren müsse, erschien ihr selbstverständlich. Und so kämpfte sie, prononcierter als auch die meisten Sozialisten ihrer Zeit, gegen jeden Nationalismus - gleich ob der als Tarnung unternehmerischer Interessen erschien oder, in seiner aggressiven Form, als Ventil unzufriedener Zeitgenossen, die nicht imstande waren, sich über die wahren Ursachen ihrer Unzufriedenheit aufzuklären.

Mit der patriotisch motivierten (oder nur maskierten) Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die SPD Rosa Luxemburgs Urteil über den Nationalismus auf eine Art bestätigt, die sie selbst nicht für möglich gehalten hätte. Sie dachte damals an Selbstmord, hat dann aber weiter und erbitterter denn je gegen den Nationalismuswahn gekämpft - eine Haltung, die es leicht machte, sie während des Kriegs für drei Jahre einzusperren und sie am Ende als Vaterlandsverräterin oder, wahlweise, als jüdische Agentin für vogelfrei zu erklären.

Ernst Piper: Rosa Luxemburg. Ein Leben. Karl Blessing Verlag, München 2018. 832 Seiten, 32 Euro. E-Book: 27,99 Euro.

War Rosa Luxemburgs politisches Programm schon zu ihrer Zeit illusorisch, wie viele, auch viele Sozialdemokraten, behaupten? Piper sieht das anhand ihrer Auseinandersetzung mit Lenin differenzierter: "Rosa Luxemburg ist der lebendige Beweis dafür, dass ein Marxismus jenseits des Leninismus möglich ist. Wo Lenin Kontrolle verlangte, wollte sie Spontaneität, ohne dass deswegen ihre Erwiderung ein Plädoyer für Desorganisation war."

Erst recht zu leicht macht es sich, wer Rosa Luxemburg als leidenschaftliche Kämpferin, scharfäugige Kassandra und/oder hochsensible Idealistin preist, aber ihre Dauerauseinandersetzung mit der SPD für historisch nicht mehr relevant erklärt. An den historischen Kontext gebunden sind lediglich die Themen, keineswegs aber die Struktur dieser Auseinandersetzung. Die war schon damals geprägt von der panischen Angst der SPD, man könne sie für sozialistisch halten. Dass heute kein industrielles Proletariat mehr existiert, dass der globale Finanzkapitalismus sich nicht mit Massenstreiks bändigen lässt, ist sicher richtig.

Aber ist die SPD deswegen heute weniger kleinmütig, als sie es 1914 war? Ist sie heute eine linke Partei, eine, die entschieden auf der Seite derer agiert, die von diesem Kapitalismus bedroht sind?

Man kann Rosa Luxemburgs Biografie, wie Piper sie exzellent erzählt und dokumentiert, auch als ein entscheidendes Stück Geschichte der SPD lesen. Warum sie keine Volkspartei mehr ist, warum sie sich mittlerweile dagegen wehren muss, in die Bedeutungslosigkeit abzusinken: Rosa Luxemburg, die nie aus der SPD austreten wollte, hätte es womöglich erklären können.

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