Interview:"Trump redet wie ein Stand-up-Comedian"

Lesezeit: 6 min

Donald Trump Campaigns Across New Hampshire Ahead Of Primary Day

Auftritt mit großer Geste: Donald Trump beim Wahlkampf in New Hampshire.

(Foto: AFP)

Die Sprache Donald Trumps unterscheidet sich völlig von der anderer Politiker, sagt Barton Swaim. Der ehemalige Redenschreiber erklärt, warum es schwer ist, den Milliardär zu hassen.

Interview von Matthias Kolb

Barton Swaim hat von 2007 bis 2010 als Redenschreiber für South Carolinas republikanischen Gouverneur Mark Sanford gearbeitet. Sein Buch über diese Zeit, "The Speechwriter. A Brief Education in Politics", bietet einen Blick hinter die Kulissen des Polit-Alltags. Heute arbeitet der 43-Jährige als Autor für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften in den USA.

SZ: Donald Trump hat in Nevada gerade seinen dritten Sieg in Serie bei den Vorwahlen errungen. Welche Rolle spielt es dabei, dass er ganz anders auftritt als die übrigen Republikaner?

Barton Swaim: Seine Sprache spielt eine entscheidende Rolle. Donald Trump benutzt eine Sprache, die niemand zuvor im politischen Alltag benutzt hat. Die meisten Politiker versuchen alles, um nichts zu sagen, was ihnen Probleme bereiten könnte. Sie wissen, dass ihre Gegner zuhören und die Medien alles zerpflücken. Weil sie so vorsichtig sind, werden ihre Sätze immer länger. Bei Trump sind alle Sätze sehr kurz und pointiert.

Barton Swaim

Barton Swaim, 43, geboren in South Carolina, studierte unter anderem in Edinburgh. Er schreibt regelmäßig für das "Wall Street Journal" und das "Times Literary Supplement". Er lebt mit Frau und drei Kindern in South Carolina.

(Foto: Privat)

Er sagt ständig Dinge wie "Wir werden eine schöne Mauer bauen, und Mexiko wird bezahlen" oder "Wir Amerikaner gewinnen nicht mehr."

Genau. Trump hat außerdem einen Sinn für Komik, den die Konkurrenten nicht haben. Politiker sind ziemlich öde. Trump ist alles andere als öde, er redet wie ein Stand-up-Comedian. Im Englischen funktioniert ein Witz nur, wenn das entscheidende Wort am Ende steht, weil sonst die Überraschung weg ist. Und bei Trump steht der wichtigste Begriff immer hinten.

Wo nimmt er diese Fähigkeit her?

Ich weiß nicht, ob er das trainiert hat, aber er hat dieses Talent wohl entwickelt, während er seine Reality-TV-Show "The Apprentice" moderierte. Viele Leute finden seine Rhetorik erfrischend. Ich mag ihn nicht als Kandidaten, aber ich kann verstehen, warum er die Leute fasziniert. Um ehrlich zu sein: Ich muss bei seinen Reden oft laut lachen. Und als Autor weiß ich: Wer jemanden zum Lachen bringt, dem gehört die Sympathie des Zuhörers. Ich kann ein Buch lesen und anderer Meinung sein als der Autor. Aber wenn ich lachen muss, mag ich es trotzdem. Das gilt auch für Politiker. Es ist schwer, Trump zu hassen, auch wenn ich mir Mühe gebe.

(In diesem Video hat ein Youtube-Vlogger Donald Trumps Rhetorik untersucht.)

Ich habe ein Dutzend Trump-Kundgebungen besucht. Was mir auffällt: Trump formuliert oft so, dass jeder Zuhörer seine Sätze unterschiedlich verstehen kann.

Politiker müssen aufrichtig und bedeutend klingen können, ohne Substanzielles zu sagen. Neulich wurde Trump gefragt, wieso er so oft flucht. Politiker sagen vielleicht einmal "verdammt", aber Trump benützt ständig Wörter wie "fuck". Ein Reporter konfrontierte ihn damit. Trump hat sich entschuldigt, aber auch gemeint: "So bin ich halt." Am Ende hatte ich keine Ahnung, was er genau gesagt hat. Das passiert oft.

Sie haben lange als Redenschreiber für den republikanischen Gouverneur Mark Sanford gearbeitet. Manchmal kann es ja das Ziel sein, nichts Konkretes zu sagen.

Ich habe immer gewusst, dass es in der Politik viel Blabla gibt. Viele Worte sind bedeutungslos. Wenn ich mich mit Ihnen unterhalte, gehen wir davon aus, dass die Wörter, die wir benutzen, etwas mit der Realität zu tun haben. In der Politik benutzt man Wörter, um einen Eindruck zu vermitteln, Zeit zu gewinnen oder sich von etwas zu distanzieren. Bevor ich diese Reden, Briefe oder Meinungsartikel selbst schreiben musste, war mir nie bewusst, wie oft politische Sprache diese Zwecke erfüllen muss.

Gab es Phrasen, die Sanford besonders oft benutzt hat?

Er hatte so viele, dass ich irgendwann eine Liste angelegt habe. Anfangs dachte ich, er erwarte sich von mir Texte in einer wirksamen, eindrücklichen Sprache. Aber er wollte nur, dass ich so schreibe, wie er spricht. Einer seiner Lieblingsausdrücke war "larger notion". So etwas würde ich nie verwenden. Ich weiß nicht einmal, was das bedeuten soll. Wir haben im Büro immer Witze gemacht, wenn wir unsere Texte gegengelesen haben: "Liest sich gut, aber streu noch zwei oder drei ,larger notions' ein, und er wird es lieben."

Der Wahlkampf 2016 läuft seit Monaten. Gibt es bestimmte Begriffe oder Sprachbilder, die Ihnen aufgefallen sind?

Es gibt so viele. Mauern sollen eingerissen werden, Rubio spricht gerne über das "neue amerikanische Jahrhundert", und Donald Trump will "Amerika wieder groß" machen. Was mir außerdem aufgefallen ist: Viele Politiker sind sehr präzise, wenn sie einen Konkurrenten attackieren oder ihre eigenen Leistungen loben. Wenn sie aber sagen sollen, was sie vorhaben, dann benutzen sie nur Metaphern und Floskeln. Wenn ein Kandidat über die Flüchtlingskrise in Syrien sprechen soll, dann sagt er Dinge wie "Wir müssen mit moralischer Klarheit darüber reden" oder "Wir müssen Brücken bauen". Ich wüsste gern: Was bedeutet das, was wollen sie eigentlich konkret machen?

Gibt es unter den anderen Kandidaten herausragende Rhetoriker? Rubio gilt als guter Redner, aber nun machen manche Witze über ihn, weil er klinge wie ein Roboter.

Rubio bereitet sich nur gut vor und übt seine Reden. Als ehemaliger Redenschreiber kann ich das nur begrüßen. Manche Experten werten das als unnatürlich, aber ich fand die Kritik nach der Debatte in New Hampshire, als er vier Mal den gleichen Satz sagte, übertrieben. Ted Cruz wirkt natürlicher, er reagiert sehr schnell auf andere. Er war als Student ein Star im Debattierklub, das merkt man. Allerdings will er deswegen jeden Streit gewinnen und wirkt daher oft überheblich und unsympathisch.

Was ist mit den Demokraten: Bernie Sanders und Hillary Clinton?

Ich finde Sanders sehr unterhaltsam, obwohl ich inhaltlich überhaupt nicht mit ihm übereinstimme. Er hat diesen starken Brooklyner Akzent und einen eigenen Stil. Er sagt Dinge wie: "Meiner Meinung nach hat jeder Bürger das Recht auf eine Krankenversicherung." In der Politik sagt kaum jemand "Meiner Meinung nach", weil alle ihr Wort als gottgegeben ansehen. Hillary finde ich sehr kalt und berechnend. Ich bin kein Demokrat, und sie liegt in den Umfragen vorn, aber ich würde mich schwertun, für sie zu stimmen.

Die Kritik, dass Politiker die immer gleichen Sätze wiederholen, ist etwas seltsam. Schließlich hören nur die Journalisten sie so oft. Rubio etwa scherzt gern, Sanders wäre sicher ein guter Präsident - aber in Schweden, nicht in den USA. Das Publikum lacht, aber die Reporter denken: Schon wieder dieser Spruch!

Dass Politiker immer die gleiche Rede wiederholen, ist nicht neu. Christopher Buckley, ein konservativer Autor und Redenschreiber von George Bush senior, erzählte gern die Anekdote, wie dieser als Vizepräsident in Cincinnati auftrat und "Hallo Cleveland" rief. Politiker reisen viel, da verlieren sie schon mal den Überblick. Doch heute haben wir soziale Medien, Leute posten Videos auf Twitter und Facebook,und die Reporter tweeten alle Aussagen sofort. Auch immer mehr Zuhörer haben das Gefühl, alles schon mal gehört zu haben.

Die Kandidaten sollten ihre Reden also stärker variieren?

Das würde ich empfehlen. Ich kann aber verstehen, dass sie sich lieber auf die bekannten Sätze verlassen. Sie sehen das Publikum vor sich, spüren dessen Energie und merken, was gut ankommt. Aber sie sollten auch an die Leute denken, die nicht vor ihnen stehen.

In Ihrer Zeit als Redenschreiber für Sanford wurde die Tea Party groß. Erstaunt Sie diese Wut auf das Establishment?

Ich bin Jahrgang 1972 und seit ich denken kann, waren die Amerikaner wütend. Als die Tea Party entstand, haben das einige Leute als rassistische Reaktion auf Obama interpretiert. Ich habe das nie so gesehen. Die neue Regierung hat die Fehler der Bush-Regierung verschlimmert, indem sie noch mehr Geld ausgegeben hat. Diese Schulden werden noch meine Enkel abbezahlen. Das Schöne an der Tea Party war, dass alles so spontan und unorganisiert war. Das war auch ihre Schwäche. Heute hat der Begriff keinen Wert mehr, ebenso wenig wie "Establishment".

Für viele Wähler ist jeder Abgeordnete in Washington Teil des Establishments.

Ich halte diese Phrasen für wenig hilfreich. Klar, es gibt Leute wie Mitch McConnell, den Chef der Republikaner im Senat, er ist seit 31 Jahren dort. Und dann gibt es Rebellen wie Mike Lee oder Ted Cruz. Aber die anderen sind irgendwo mittendrin, je nachdem, um welches Thema es geht.

Trump hat viel Erfolg mit seinem Schimpfen auf Lobbyisten und Partei-Elite.

Das stimmt. Was mich am meisten an Trump wundert, ist die Tatsache, dass alle Prognosen über ihn falsch waren. Ich verstehe nicht, dass so viele Republikaner jemanden unterstützen, der überhaupt nicht konservativ ist. Man nennt ihn so, weil er für Marktwirtschaft und gegen Einwanderung ist, aber das hat nichts mit der konservativen Bewegung zu tun. Deswegen glaube ich nicht, dass er Präsident werden kann, auch wenn er nominiert wird. Niemand kann als Republikaner eine Wahl gewinnen, wenn er vergiftete Beziehungen zu allen wichtigen Autoren und Kolumnisten hat. Die National Review, das Hausblatt der konservativen Intellektuellen, hat eine ganze Ausgabe mit dem Titel "Gegen Trump" veröffentlicht. Doch Trump scheint es nicht zu stören, dass er alle Intellektuellen zum Feind hat.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB