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Porträtserie "Sie sind das Volk":Fehlt in Deutschland die Anerkennung?

Er selbst wurde erst 2012 vom Zeit- zum Berufssoldat, erhielt also - wenn man so will - einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Viel Verantwortung hatte er schon vorher. 2008 war er für die Bundeswehr im Auslandseinsatz, im Kosovo. Er war zuständig für die schweren Kräne. Seine Truppe, etwa 30 Männer und Frauen, musste Container bewegen, kaputte Fahrzeuge, einmal einen entgleisten Güterzug.

Der Kosovo-Krieg war zwar damals schon vorbei, ungefährlich war es trotzdem nicht. Manchmal wurden Soldaten im Einsatz entführt. Deshalb haben Hanisch und die anderen vorher geübt, wie es ist, entführt zu werden. "Da wurden wir richtig ins kalte Wasser geworfen", sagt er. Nach einigen Tagen, so schildert es Hanisch, hatte er vergessen, dass das alles nur eine Übung ist. "Man lebt dann in der Situation. Das war schon ziemlich heftig."

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Der Beruf belastet die Familien

Hanisch hatte aber Glück, sein Einsatz im Kosovo verlief ohne schlimme Zwischenfälle. Der wirkliche Einschnitt kam nach seiner Rückkehr. "Meine damalige Freundin hat mich noch vom Flughafen abgeholt. Und mir dann eröffnet, dass sie einen neuen Freund hat." Das passiere Soldaten häufig, sagt er. "Ich kenne nicht die offizielle Scheidungsrate, aber es gibt sehr viele Trennungen." Inzwischen ist Hanisch verheiratet, seine Frau wohnt mit den zwei Kindern in ihrem Heimatdorf. Er fährt jeden Tag insgesamt 200 Kilometer zur Kaserne und zurück, um bei ihnen sein zu können. "Ich wollte meine Frau nicht entwurzeln", sagt er.

Das ist eine Möglichkeit, damit klarzukommen, dass Soldaten sich ihren Arbeitsort häufig nicht aussuchen können. Manche Soldaten nehmen ihre Familien auch mit, von Station zu Station. Einfach ist beides nicht. Familienfreundlichkeit ist eines der großen Ziele der Verteidigungsministerin. Im Alltag bleibt es oft schwierig.

Will Hanisch nochmal ins Ausland? "Nein", sagt er ohne zu zögern. Es gibt aber Soldaten, die ganz anders drauf sind. "Wir nennen sie die Einsatzjunkies." Einigen machen die Auslandseinsätze Spaß. Andere freuen sie sich über das zusätzliche Geld, das sie bringen. Für jeden Tag in Afghanistan sind das bis zu 110 Euro zusätzlich, steuerfrei. "Wenn man nach vier Monaten zurück kommt, ist ein nettes Auto drin", sagt Hanisch. Und wieder andere übten Tätigkeiten aus, die oft gebraucht würden und seien deswegen häufig weg. Dazu gehören zum Beispiel Sanitäter.

"Eigentlich habe ich keine Erwartungen an die Gesellschaft"

Diese Belastungen sind ein weiterer Grund dafür, warum viele Soldaten die Diskussion um die Bundeswehr als ungerecht empfinden. Ihnen fehlt die Anerkennung für das, was sie tun, wenn immer nur über das gesprochen wird, was nicht klappt.

Wünscht er sich also auch mehr Anerkennung? Sebastian Hanisch überlegt lange und sagt schließlich: "Eigentlich habe ich keine Erwartungen an die Gesellschaft. Ein Handwerker will ja auch nicht ständig Anerkennung für seinen Beruf." Wer will, dass der eigene Job als ganz normaler Beruf wahrgenommen wird, der darf eben auch nicht permanente Huldigung erwarten. Da ist er konsequent.

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