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Globale Krisen:"Wir sind alle wichtig und relevant"

Religions for Peace

Azza Karam, 52, ist Generalsekretärin von "Religions for Peace". Die gebürtige Ägypterin ist an der Freien Universität Amsterdam Professorin für Religion und Entwicklung.

(Foto: Christian Flemming)

Azza Karam, Generalsekretärin von "Religions for Peace", erklärt, warum Frauen für die Bewältigung von Krisen die bessere DNA haben - und warum man aufhören müsse, in Kategorien von Macht und Dominanz zu denken.

Interview von Annette Zoch

Seit 50 Jahren bringt die Organisation "Religions for Peace" die Weltreligionen zusammen, um für Frieden und Menschenrechte zu arbeiten. Vom 10. bis 13. November versammelt "Religions for Peace" nun wieder zwischen 800 und 1000 Delegierte aus mehr als 60 Ländern. Nicht wie ursprünglich geplant in Lindau, sondern vor allem virtuell. Nur eine kleine Gruppe soll am Bodensee die Stellung halten. Das Thema der diesjährigen Konferenz ist die Rolle von Frauen bei der Bewältigung globaler Krisen. Auch in der Corona-Pandemie tragen Frauen die größte Belastung. Ein Gespräch mit Azza Karam, der Generalsekretärin von "Religions for Peace".

SZ: Frau Karam, von Frauen geführte Nationen kommen bislang offenbar besser durch die Pandemie, woran liegt das?

Azza Karam: Ich glaube, es ist ein Teil der weiblichen DNA, viele Dinge gleichzeitig zu tun und zu bedenken. Das ist der Sozialisierungsprozess, den Mädchen überall auf der Welt gleichermaßen erleben. Frauen haben aufgrund dieser Grundeinstellung meiner Meinung nach eine breitere Perspektive auf Probleme. Wir schauen nicht nur auf die Wirtschaft, nicht nur auf Politik. Und Covid-19 macht das noch mal deutlicher: Niemand kann sich mehr nur noch auf einen Aspekt konzentrieren. Alles hängt mit allem zusammen. Alle sind betroffen, alle sind bedroht. Der Boden, auf dem wir stehen, schwankt. Und wenn man es nun schon gewohnt ist, schnell zu tanzen und dabei auch noch zu jonglieren - dann tut man sich vielleicht in so einer Situation etwas leichter.

Rufen die Krisenzeiten also nach Frauen an der Spitze?

Wir brauchen beide, Frauen und Männer. Wir müssen aufhören, in diesen Kategorien von Dominanz und Macht zu denken. Was lehrt uns die Pandemie? Der normale Modus, in dem unsere Welt bislang funktioniert hat - jeder guckt nach sich selbst oder der eigenen Nation oder der eigenen Religion - wird von der Pandemie fundamental infrage gestellt. Und nicht nur von der Pandemie, sondern auch vom Klimadesaster, das ja erst zu Covid-19 geführt hat. Wir haben aus Profitgier die Umwelt zerstört. Wir haben anderen Geschöpfen den Lebensraum genommen, wir haben andere Geschöpfe gegessen und am Ende haben wir von ihnen diese gottverdammte Krankheit gekriegt. Jede einzelne Hand und jedes einzelne Gehirn wird jetzt gebraucht. Männer, Frauen, alle Geschlechter dazwischen, wir sind alle wichtig und relevant.

"Religions for Peace" will Religionen vernetzen. Aber viele religiöse Institutionen marginalisieren Frauen. Im Katholizismus, im Islam, im orthodoxen Judentum, in vielen Religionen sind Frauen untergeordnet.

Alle Institutionen erleben heute eine Glaubwürdigkeitskrise, davon sind religiöse Institutionen nicht ausgenommen. Sie waren immerhin die ersten Institutionen der Menschheit. Sie haben das Patriarchat praktisch erfunden. Je mehr Frauen in anderen Sphären der Gesellschaft nach vorne drängen, desto mehr erleben wir eine Krise der Männlichkeit. Deshalb sehen wir auch in vielen Bereichen so einen Backlash gegen Feminismus, gegen Frauenrechte, weil versucht wird, die Verhältnisse wieder in die "normale Ordnung" zurückzudrehen. Und ja, die letzten Bastionen, um für die patriarchale Ordnung zu kämpfen, werden religiöse Institutionen sein. Das wundert mich gar nicht. Aber: Wir setzen Glauben gern mit einer religiösen Institution gleich. Werden wir ihm damit gerecht? Werden wir Gott damit gerecht? Mein Glaube ist mehr als die Institution, mein Glaube passt nicht in so eine Kategorie.

Was ist Glaube dann für Sie?

Glaube hat sehr viel mit Beziehungen zu tun - es ist meine Beziehung zu Gott, aber auch die zu meinen Mitmenschen. Wenn ich davon ausgehe, dass es einen Schöpfer gibt oder eine Gottheit, die mich gemacht hat und auch alle anderen Menschen um mich herum, sehe ich meine Welt und die Schöpfung anders. Wir alle schulden einander Liebe und Respekt. Deswegen geht es auch bei der Debatte um die Rolle der Frau nicht um einen Gegensatz: Frauen gegen Männer oder Männer gegen Frauen. Wir sind alle Geschöpfe Gottes.

Besonders von Liebe und Respekt geprägt ist unsere Welt aber nicht.

Natürlich. Aber es ist an der Zeit, dass wir Diplomatie wieder neu zum Leben erwecken. Diplomatie als die Kunst, unsere Unterschiedlichkeit auszuhalten und einander dennoch mit Demut zu begegnen, mit Barmherzigkeit und mit Würde. Das versuchen wir bei "Religions for Peace". Wir verstehen uns wie die Vereinten Nationen, nur für religiöse Akteure. All die Religionsgemeinschaften, die alle vor sich hinarbeiten, aber eben häufig nur für die eigene Community - die bringen wir für drei Tage im Jahr zusammen. Wir sagen: Lasst uns miteinander reden und gemeinsam nachdenken. Denn wir wollen alle derselben Gemeinschaft dienen: der Menschheit.

© SZ/Hohmann
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