Rede des Bundespräsidenten Steinmeier warnt vor Verachtung der Vernunft

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

(Foto: dpa)
  • Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor einer "Verachtung der Vernunft" und den Folgen für die Demokratie gewarnt.
  • Steinmeier kritisierte zudem nationalistische Tendenzen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor einer "Verachtung der Vernunft" und den Folgen für die Demokratie gewarnt. "Die Zersetzung der Vernunft ist der Anfang der Zersetzung der Demokratie", mahnte Steinmeier laut Redemanuskript am Dienstag in Berlin. Er beklagte, dass vielfach eine "neue Faszination des Autoritären" spürbar sei. Eine "wütende Sehnsucht nach Sündenböcken" und einfachen Antworten würden den komplexen Problemen aber nicht gerecht. Steinmeier äußerte sich bei einer Veranstaltung zu Ehren des US-Historikers Fritz Stern in der American Academy in Berlin. Stern (1926-2016) wurde in Deutschland geboren und emigrierte 1938 aufgrund seiner jüdischen Abstammung in die USA.

Der Bundespräsident kritisierte nationalistische Tendenzen. "Wir können wissen, welche Dynamik ausgelöst wird, wenn jedes Land nur sich selbst für wichtig hält, wenn nationale Interessen ohne Rücksicht und auf Kosten anderer verfolgt werden, kurzfristig und eng", betonte Steinmeier. Wichtig sei, das Gespräch zu suchen. Andernfalls gebe es "nur noch die eigene Wahrheit und die Lügen der anderen". Globalisierung und Digitalisierung erschwerten die Meinungsbildung in einer komplexen Welt.

Das Internet etwa biete Zugang zu Wissen. Zugleich würden aber gezielt Falschinformationen verbreitet, Debatten manipuliert und Menschen beleidigt. Hass und Härte vieler Online-Kommentare gingen an der Gesellschaft nicht spurlos vorüber. "Sie tragen zu einer Radikalisierung in unserem demokratischen System bei." Ein unabhängiger und objektiver Journalismus sei daher umso wichtiger.

Steinmeier äußerte Verständnis für den Wunsch nach Heimat und Zugehörigkeit in einer entgrenzten, globalisierten Welt. Das sei kein "Nebenbei-Bedürfnis", sondern für den Menschen lebenswichtig. Allerdings dürfe dies nicht in Ausgrenzung oder Verklärung der Vergangenheit umschlagen. Steinmeier würdigte Sterns "leidenschaftliches Streiten für eine Politik der Vernunft". Der Historiker habe den Zusammenhang herausgearbeitet zwischen einer "bewussten, von vielen geradezu gefeierten Irrationalität und dem Zusammenbruch der deutschen Demokratie in den 1930er-Jahren".

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