Demonstration in Leipzig:Der große Flop der Rechten

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Demonstration in Leipzig: Auf dem Simsonplatz in Leipzig beklagten zahlreiche Redner unter dem Motto "Ami go home" eine angebliche US-Besatzung Deutschlands.

Auf dem Simsonplatz in Leipzig beklagten zahlreiche Redner unter dem Motto "Ami go home" eine angebliche US-Besatzung Deutschlands.

(Foto: Sebastian Willnow/dpa)

Die Kundgebung "Ami go home" sollte der Höhepunkt des heißen Herbstes werden, seit Wochen trommeln Verfassungsfeinde dafür. Doch kaum 1000 Demonstranten kamen nach Leipzig - und gingen im Gegenprotest unter.

Von Iris Mayer, Leipzig

Es ist der Weihnachtsmann, der Jürgen Elsässer wie einen Verlierer aussehen lässt. Unter öffentlichem Jubel zieht der ältere Herr am Samstag im roten Mantel in der Kutsche über den Innenstadtring. Kinder winken, Eltern lachen, Leipziger jubeln. Und während Santa Claus Adventsstimmung verbreitet, wartet der rechtsextreme Publizist mit seiner Kundgebung "Ami go home" vergeblich auf Zulauf.

Die Demoroute über den Leipziger Ring hatte die Stadtverwaltung ihm schon tags zuvor verweigert. Begründung: zu großer Andrang in der Innenstadt. 15.000 Teilnehmer wollte Elsässer mit seinem "Compact"-Magazin, Querdenkern und der rechtsextremen Splitterpartei "Freie Sachsen" zusammentrommeln, der Höhepunkt des heißen Herbstes sollte es werden. Seit Wochen wurde mobilisiert.

Doch es kamen laut Schätzung der Polizei nicht einmal 1000, auch wenn Elsässer in seiner Rede unverdrossen mehr als 6000 begrüßte. Und auch der öffentliche Jubel für den rechten Aufmarsch fiel aus - im Gegenteil, die "Nazi go home"-Proteste hatten größeren Zulauf. Am Abend blockierten sie erfolgreich den Marsch der Rechten, der nur ein paar hundert Meter weit kam. Dann erklärte Ex-AfD-Mann Andre Poggenburg die Versammlung für beendet, die Leipzig den größten Polizeieinsatz des Jahres beschert hatte.

Reden gegen "amerikanische Besatzer"

Zuvor hatten auf dem Simsonplatz vor dem Bundesverwaltungsgericht zwei Stunden lang zahlreiche Redner eine angebliche US-Besatzung Deutschlands beklagt, Reichsbürgerlegenden verbreitet und Stimmung gegen "Flüchtlingsströme" geschürt. NPD-Mann Stefan Hartung, Vize-Chef der "Freien Sachsen" ruft über den Platz: "Wir wollen keinen amerikanischen Besatzer, der uns auf dem Schlachtfeld opfert." Es reden neben Hartung, Poggenburg und Elsässer auch AfD-Mann Robert Farle, der aus der Bundestagsfraktion ausgetreten ist, aber weiter im Parlament sitzt.

Ein Redner mit Mütze in den Farben der Reichsflagge zitiert aus Emanuel Geibels Gedicht "Deutschlands Beruf" unter anderem die Zeile "Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen". "Frieden, Freiheit, Souveränität", skandiert die Menge in unregelmäßigen Abständen und immer wieder das Motto der Veranstaltung, "Ami go home". Das US-Konsulat ist in Rufweite um die Ecke, Generalkonsul Kenichiro Toko sagte schon am Freitag bedrückt: "Ich bin traurig, weil Leipzig und Mitteldeutschland für mich und meine Familie ein zweites Zuhause geworden ist".

"Jeder von denen ist einer zu viel"

Die Demonstranten auf dem Simsonplatz schwenken Transparente, auf denen "Raus aus der Nato" steht, "Frieden, Freiheit, Liebe" und das AfD-blaue "Unser Land zuerst". Die Plakate der Freien Sachsen, die Politiker in Häftlingsuniform zeigen, hat die Polizei gleich am Anfang einkassiert, das Spruchband "Habeck verhaften" aber darf bleiben. Es gibt einen Bratwurststand und 20 Meter weiter Dixie-Klos.

Bevor die Reden beginnen, läuft eine Art Kulturprogramm, eine blonde Frau singt "Deutschland zeig Dein Gesicht, fürchte Dich nicht" und "Die Gedanken sind frei". Als das Publikum einstimmen soll, erweisen sich nicht alle als text- und stimmsicher. Die Gegendemonstranten rufen "Du singst scheiße" und "Halt die Fresse". "Jeder von denen ist einer zu viel", sagt eine junge Leipzigerin mit Blick auf den rechten Auflauf. Sie sei erleichtert, dass viel weniger Rechte gekommen sind als gedacht, "aber es macht mich wütend, dass sie hier demonstrieren dürfen". Ihren Namen verrät sie nicht.

Ein vedischer Mönch möchte den Band "Psychologie des Bewusstseins" verteilen, findet aber keine Abnehmer. Friedenstaubenschwenkerinnen stehen neben Männern mit Reichsflaggen, dazwischen ein Aluhutträger. Die Allianzen sind unübersichtlich. Leicht könnte man Männer mit "Faschismus bekämpfen"-Schildern für Linke halten, die die "Compact"-Demo unterwandern. Doch Faschismus bekämpfen heißt für diese Demonstranten schlicht: die USA bekämpfen.

Antiamerikanische Töne sind seit Wochen auf vielen Protestveranstaltungen gegen hohe Energiepreise zu hören. Sachsens Landesamt für Verfassungsschutz hat davor gewarnt, dass Narrative über eine "vermeintliche Besetzung Deutschlands durch die USA" zur Mobilisierung genutzt würden. Ziel der Rechten sei es, Unzufriedenheit in der Bevölkerung für verfassungsfeindliche Zwecke zu nutzen und "Anschluss an die bürgerliche Mitte zu finden".

Ein Redner der Rechten ruft dem Gegenprotest über die Straße zu: "Warum steht ihr nicht auf diesem Platz?" Elsässer sagt in seiner Rede, es gebe noch "vernünftige Linke. Ich freue mich, dass Sahra Wagenknecht in die Offensive geht und wünsche mir mehr davon." Besonders aber freue er sich auf das neue Buch von Oskar Lafontaine. Es erscheint kommende Woche und heißt "Ami, it's time to go!".

Das findet auch den Beifall einer Rentnerin, ausweislich ihrer Weste eine Bewohnerin der "Miteinanderstadt Erfurt". Warum sie nach Leipzig gekommen ist? Wegen des Friedens, sagt sie und der illegalen Kriege seit 1945. Ihren Namen will auch sie nicht nennen, aber dass sie 40 Jahre lang Mathe- und Physiklehrerin war, erzählt sie und sicher sei, dass die Antifa von SPD und Wirtschaftsministerium bezahlt werde. Man müsse doch fragen, wer an all den Kriegen verdiene. "Wir sind es nicht", sagt die Erfurterin, "wir investieren hier ja zum Beispiel in Fahnen". Die gibt es bei Compact unter anderem im Demo-Paket "Ami go home" zusammen mit Flugblättern, Aufklebern und Trillerpfeifen für 13,99 Euro. "Nur solange der Vorrat reicht", heißt es - aber nach Andrang sieht es auch da nicht aus.

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