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Proteste in den USA:Wieso junge Amerikaner neugierig auf Sozialismus sind

2800 Kilometer entfernt, in der New Yorker Redaktion des Magazins Jacobin, stimmt Bhaskar Sunkara dieser Analyse zu: "Man muss schon ein abgehobener Akademiker sein, um zu behaupten, dass ein weißer Wähler, der zweimal Obama und nun einmal Trump seine Stimme gab, ein Rassist ist." Nur einer Minderheit sei die "eigene Engstirnigkeit wichtiger" als eine bessere materielle Versorgung. Es geht um Umverteilung - und Jacobin liefert das intellektuelle Rüstzeug.

Chefredakteur Sunkara ist erst 27, doch er verantwortet die spannendste linke Publikation der USA. "Socialism in our time", Sozialismus in unserer Zeit, steht auf einem Balken in der Redaktion, und viele halten das für zeitgemäß. Die Zahl der Print-Abonnenten hat sich verdoppelt - auf 30 000, dank einem höheren Budget ist die Website www.jacobinmag.com aktueller geworden. Sunkara macht vieles anders als traditionelle Zeitschriften wie Dissent oder The Nation. Alle drei Monate erscheinen die gedruckten Jacobin-Ausgaben, und ihr Layout ist so elegant und das Papier so hochwertig, dass sie ins Regal gestellt werden. Zudem verzichten die Texte auf Fachjargon: "Das Magazin soll dein Denken herausfordern, aber es soll nicht schwer zu lesen sein."

Sunkara nutzt die Gunst der Stunde. Am Abend von Trumps Amtseinführung organisierte er eine "Anti-Inauguration" in Washington. Die Redner erinnerten das junge Publikum daran, dass sozialdemokratische Politik in den USA populär ist. Laut Umfragen unterstützen zwei Drittel einen Mindestlohn von zehn Dollar pro Stunde, und 61 Prozent sind überzeugt, dass die Reichen zu wenig Steuern zahlen. Die Anti-Inauguration oder Vorlesungen zum Buch "ABC of Socialism" sind per Livestream zu sehen. Landesweit gibt es mehr als 80 Jacobin-Lesegruppen und ein Podcast-Angebot.

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Sunkara weiß, dass größere Veränderungen nicht von heute auf morgen passieren. Er rechnet nicht damit, dass zu seinen Lebzeiten der Privatbesitz abgeschafft wird. Auch deshalb nennt er als Vorbild das konservative Magazin National Review: "In den Vierziger- und Fünfzigerjahren galten die USA per Definition als liberaler Staat, weil es keine Adeligen gibt. Konservative waren isoliert, und so hat National Review begonnen, katholische Antikommunisten, staatskritische Libertäre, Abtreibungsgegner und die christliche Rechte zusammenzubringen. Wer die Demokraten zurückdrängen wollte, für den war Platz unter diesem großen Zelt." Sunkara möchte mit Gewerkschaftern, Umweltschützern, Neomarxisten und Bernie-Sanders-Anhängern die Demokraten nach links rücken.