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Prantls Blick:Zwei Frauen für die SPD

Pressekonferenz der SPD

Malu Dreyer hat, wohl nicht zuletzt ihrer MS-Krankheit wegen, eine Kandidatur für den Parteivorsitz abgelehnt. Aber vielleicht könnte sie es, zusammen mit einer anderen Frau, zum Beispiel mit Manuela Schwesig.

(Foto: dpa)

Warum wird eigentlich nur über eine gemischte Doppelspitze geredet? Die SPD muss den Mut haben, mutig zu denken. Und da wäre eine weibliche Doppelspitze wirklich etwas Neues.

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Kolumnist der Süddeutschen Zeitung, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Es war die SPD, es waren starke Frauen in der SPD, die für die Gleichberechtigung und für das Wahlrecht gekämpft haben. Es war, zum Beispiel, Marie Juchacz, die vor hundert Jahren als erste Frau in einem deutschen Parlament geredet hat. Es war, zum Beispiel, Elisabeth Selbert, die dreißig Jahre später dafür gesorgt hat, dass der große Gleichberechtigungssatz einstimmig ins Grundgesetz geschrieben wurde.

Und das war, zum Beispiel, Jutta Limbach, die erste Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, die vor 25 Jahren dieses Amt angetreten, es mit Tatkraft und gewandter Freundlichkeit acht gute Jahre geführt und gelehrt hat, dass Gleichberechtigung kein Gedöns, sondern ein Gebot ist. Mehr noch, mit ihrer Ausstrahlung war sie die Verkörperung einer selbstbewusst daherkommenden Gleichberechtigung.

Solche Frauen hatte schon August Bebel, der Ahnherr der SPD, vor Augen, als er seiner Partei die Bekämpfung aller Vorurteile, "die der vollen Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen", ins Stammbuch geschrieben hat: "Die Frau der neuen Gesellschaft ist sozial und ökonomisch vollkommen unabhängig, sie ist keinem Schein von Herrschaft und Ausbeutung mehr unterworfen, sie steht dem Manne als Freie, Gleiche gegenüber und ist Herrin ihrer Geschicke." So steht das in Bebels berühmtem Buch aus dem Jahr 1879.

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"Die Frau und der Sozialismus" heißt das jetzt 140 Jahre alte Werk, es war ein unglaublicher Renner, es war eine Sensation, ein Longseller, allein zu Bebels Lebzeiten erschienen 52 Auflagen. Bis 1913 wurde es in zwanzig Sprachen übersetzt. Aber die Übersetzung des Bebel-Buchs in die politische Praxis der Sozialdemokratie hat lange gedauert - und diese Übersetzung in die Praxis ist noch immer nicht abgeschlossen. Das zeigt sich jetzt in dem Verfahren, mit dem die SPD neue Vorsitzende sucht. Die Bewerbungsfrist endet in einer Woche. Warum eigentlich hat sich die SPD auf eine Doppelspitze aus Mann und Frau festgelegt? Warum traut sie einer einzelnen Frau die Aufgabe nicht zu?

Die süffige Arroganz gegenüber Nahles

Wie gesagt: Es gab und gibt in der SPD viele streitbare Frauen, die sich hervorgetan und politische Anstöße gegeben haben. Aber oft wurden sie intern nicht besonders gemocht und schon gar nicht für befähigt gehalten, die Partei zu führen. Die lange Liste der männlichen Parteivorsitzenden ist dafür ein beredter Beweis, sie wurde erst 2018 unterbrochen durch Andrea Nahles, die aber von vielen Parteimännern von vornherein eigentlich doch nicht für befähigt gehalten wurde - und die dann nach einem Jahr das Handtuch warf.

In diesem Zusammenhang darf man einige Parteimachos beim Namen nennen: vorneweg Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel samt ihrer süffisanten Arroganz gegenüber Nahles. Nun ist die SPD auf den Doppelpack gekommen. Warum? Weil das gerade so gut bei den Grünen klappt? Oder weil man damit der Gleichberechtigung weiter auf die Sprünge helfen will? Danach sieht es aber nicht gerade aus. Denn dann hätte die SPD doch sagen können: "Selbst wenn es mit Andrea nicht so gut geklappt hat, wollen wir gerne eine Frau an der Spitze der SPD sehen."

Stattdessen hören wir jetzt seit vielen Wochen, dass es für die potentiellen Kandidaten so schwer war und ist, geeignete und befähigte Frauen für die Paarbildung zu finden. Das mag so sein, hat aber auch mit der noch immer patriarchalischen Struktur der SPD zu tun. Und es hat damit zu tun, dass sich Frauen in der SPD dieser Struktur fügen und sich selbst nicht trauen. Sie reüssieren, wenn sie von Männern gefördert werden, dann bescheiden sie sich aber dann mit dem, was ihnen zugewiesen wird.