bedeckt München 14°

Prantls Blick:Gesund ist es, auch mit einer Krankheit leben zu können

Bleiben Sie gesund! Was ist eigentlich Gesundheit? Der Wunsch wird einem ja entboten und hinterhergerufen, egal ob man pumperlgesund ist oder ob man an Diabetes, Depression, Bandscheibenvorfall leidet oder man gerade zwischen seinen Chemotherapien steckt - als bestünde Gesundheit schon darin, frei vom Virus zu sein. Ist Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit? Oder die Immunität gegen sie? So ein aseptisches Verständnis von Gesundheit kann krankmachen, es kann das Leiden derer vergrößern, die nicht geheilt werden können. Gesund ist es, auch mit einer Krankheit leben zu können, eventuell sogar aus ihr Kraft zur Lebensveränderung zu gewinnen. Das meine ich nicht als wohlfeilen Ratgeberspruch.

Das bedeutet nicht, dass man dem Virus, der Krebszelle oder dem Unfall einen esoterischen Sinn oder eine höhere Weihe verleiht. Virus, Krebs oder Unfall sind an sich keine Chance, sie sind kein hintersinniger Fingerzeig, sie sind keine moralische Aufgabe. Eine Krankheit beeinträchtigt das Leben, eine tödliche Krankheit setzt dem Leben ein Ende. Schmerzen tun weh und machen keinen Helden oder besseren Menschen aus dem Geplagten.

Aber es ist eine Illusion, Krankheit und Schmerzen und Viren völlig entkommen zu können, sie völlig verschwinden lassen zu können. Es geht auch darum, sie ins Leben zu integrieren, ins persönliche und in das gesellschaftliche. Zu ihrer Bewältigung ist mehr notwendig, als sie mit Medikamenten und Impfungen zu bekämpfen. Das Ringen um Heilung und Überleben ist dringend geboten; die Suche nach den richtigen Wegen dahin ist unabdingbar. Privatisieren und Sparen im Pflege- und Gesundheitswesen war eine Verirrung und gehört zur erwähnten Politik der angeblichen Alternativlosigkeit. Die Coronawellen haben diesen Dreck sichtbar gemacht. Aber notwendig im Sinne von Not wendend ist auch ein gewisses Maß an Akzeptanz, dass das Leben sterblich ist, und die Kraft der Hoffnung - also ein gesunder Optimismus, der Bedrohung zum Trotz.

Der Wille zur Zukunft

Dietrich Bonhoeffer schrieb über Gesundheit und Optimismus diese Sätze: "Optimismus ist bei den Klugen verpönt. Es ist klüger, pessimistisch zu sein: Vergessen sind die Enttäuschungen und man steht vor den Menschen nicht blamiert da. Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner lässt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewiss auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muss. Aber den Optimismus als Wille zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt. Er ist die Gesundheit des Lebens."

Diese Gesundheit des Lebens für die Zeit in und nach Corona wünsche ich uns: Dass die Menschen wieder miteinander reden können, dass die angstbesetzte Polarität der Reaktionen auf Corona einem zuhörenden und diskutierenden Miteinander Platz macht.

Hoffnung ist der Wille zur Zukunft. Diese Hoffnung muss wieder Atem bekommen.

© SZ
Zur SZ-Startseite
Coronavirus - Jüterbog

Infektionsgeschehen in Deutschland
:Wo fangen sich die Menschen das Coronavirus ein?

Schulen und Einzelhandel? Geschlossen, Essen? Gibt es nur noch zum Mitnehmen. Und trotzdem sind die Infektionszahlen weiter sehr hoch. Das lässt sich aus den aktuell gemeldeten Daten herauslesen.

Von Christina Kunkel

Lesen Sie mehr zum Thema