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Prantls Blick:Helden des Alltags

Die Fachanwälte für Migrationsrecht gehören zu den Helden des Alltags; sie müssen sich, wenn sie gut sind, nicht nur im immerzu hektisch geänderten nationalen Recht, sondern auch in den Details des EU-Rechts profund auskennen, etwa im Arbeitserlaubnisrecht. Sie brauchen interkulturelle Kompetenz, müssen also Land und Leute kennen - das verhindert, wie es der Frankfurter Asylspezialist Victor Pfaff sagt, das "schädliche Helfersyndrom" und auch "die einseitige Sicht durch die Asylbrille", das führt "zu kritischer Empathie".

Der gute Fachanwalt muss seinen Mandaten gegebenenfalls auch vor einem falschen Sachvortrag bewahren, den diesem womöglich Verwandte oder Freunde eingeblasen haben im Glauben, auf diese Weise zu helfen. Natürlich gibt es auch so manche anwaltliche Tätigkeit, die mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt; von der rede ich hier nicht. Der gute Fachanwalt ermittelt in langwierigen, oft durch Sprachschwierigkeiten erschwerten Gesprächen die vielleicht doch erfolgversprechenden richtigen Fakten. Und ein guter Fachanwalt ist sich auch nicht zu schade, in einem Gemeindesaal, in dem sich ein paar ehrenamtliche Helferinnen und Helfer zusammenfinden, deren Fragen zu beantworten.

Was ein Flüchtlingsanwalt können muss

Das Migrationsrecht sei mit der Tastatur eines Flügels vergleichbar, meint Pfaff: "Man kann darauf mit einem Finger Hänschen klein spielen, aber auch die Kunst der Fuge." Der Grazer Fachanwalt Ronald Frühwirth hat die Kunst der Fuge beherrscht; aber das hat ihm nichts geholfen, weil der Gesetzgeber und die Justiz Hänschen klein geklimpert haben.

Ich habe mit dem Wiener Rechtsanwalt Georg Bürstmayr gesprochen, der seit 25 Jahren im Migrationsrecht tätig ist. Er kann die Verzweiflung seines Grazer Kollegen gut nachvollziehen und schildert, wie er sich selbst davor schützt: "Ich habe einst als Zivildiener in einem Altersheim gelernt, dass meine eigene, möglichst gute Arbeit nichts daran ändert, dass die von mir mit betreuten sehr betagten Patienten womöglich am nächsten Morgen nicht mehr da, weil einfach gestorben sind. Ich habe mir also die Haltung zugelegt, dass es darauf ankommt, ob ich selbst im Rahmen meiner Möglichkeiten alles getan habe, was möglich war. Diese Grundhaltung ist mir auch im Anwaltsberuf hilfreich." Die Anwälte seien, so Bürstmayr, im Asylbereich allzu oft von Fürsprechern zu bloßen Trostspendern, von Vertretern von Interessen zu Verwaltern des Leids geworden. "Das erzeugt schon enorme Frustration."

Vom Werfen mit Textbausteinen

An vielen Universitäten gibt es seit einigen Jahren die unentgeltliche studentische Rechtsberatung für Asylsuchende, die einer breiteren Öffentlichkeit als "Refugee Law Clinic" bekannt ist. Da lernen die Studenten nicht nur mit dem Asylrecht, sondern auch mit der Frustration umzugehen. Ich wünsche mir ein Flüchtlingsrecht ohne Willkür; ich wünsche mir Behörden und Gerichte, in denen die Flüchtlinge nicht mit Vorurteilen und Textbausteinen beworfen werden.

© SZ.de/aner
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