Pränataler Bluttest Eine Debatte über Freiheit und Leben

  • Der Bundestag diskutiert, ob der pränatale Bluttest künftig von den Kassen bezahlt werden soll.
  • Schwangere Frauen können für etwa 200 Euro einen Bluttest machen, der Auskunft gibt, ob ihr Kind das Downsyndrom bekommen könnte.
  • Was bedeutet das für Menschen, die jetzt mit dem Downsyndrom leben? Bei den Abgeordneten zeichnet sich ein eindeutiges Meinungsbild ab.
Von Kristiana Ludwig, Berlin

Michael Brand von der CDU beschäftigt sich in der Regel wenig mit Schwangerschaftsuntersuchungen. Brand ist hessischer Bundestagsabgeordneter, sitzt im Innenausschuss, und mit der Lokalpresse diskutiert er eher über das neue Bahngleis in Bronnzell. Am Donnerstag aber spricht Brand im Bundestagsplenum über "Andreas, mit dem ich mich angefreundet habe", einen Mann aus Fulda, 31 Jahre alt. Dieser Freund habe das Downsyndrom, und für ihn sei die Bewertung der Debatte recht eindeutig: "Ich finde total doof, dass ich eigentlich nicht leben soll", habe er zu Brand gesagt. Der fragt nun am Rednerpult: "Wie schützen wir sein Menschenrecht auf Leben?"

An diesem Vormittag spricht der Bundestag über ein neues medizinisches Testverfahren. Schwangere Frauen können für rund 200 Euro einen Bluttest machen, der Auskunft gibt, ob ihr Kind das Downsyndrom bekommen könnte. Fruchtwasseruntersuchungen mit derselben Aussagekraft sind wesentlich gefährlicher. Doch die werden seit mehr als 30 Jahren von der Krankenkasse übernommen, der Bluttest nicht. Der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten, Kliniken und Kassen, der normalerweise über solche medizinischen Leistungen entscheidet, hatte den Bundestag gebeten, sich eine Meinung zur neuen Methode zu bilden. Schließlich könnten Frauen damit künftig ohne Kosten und Risiken ihr ungeborenes Kind auf das Downsyndrom testen - und sich früh für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden.

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So entstand diese nachdenkliche Debatte ohne Fraktionsdisziplin, in der es nicht nur um Medizin, sondern auch um das "Recht auf Nichtwissen" der werdenden Mütter geht. Sie dreht sich um eine große gesellschaftliche Frage, die sich aus der Summe der Einzelentscheidungen ergibt: Könnten vorgeburtliche Gentests in Zukunft Menschen mit Beeinträchtigungen aussortieren?

"Ich möchte, dass Eltern echte Entscheidungsfreiheit haben", sagt die SPD-Abgeordnete Dagmar Schmidt, die selbst einen fünfjährigen Sohn mit Downsyndrom hat. Ärzte müssten so ausgebildet werden, dass sie Eltern nicht bloß zu einem Test rieten, damit sie "Sicherheit" bekämen. Sondern sie müssten schon vorher mit ihnen besprechen, ob und wie sie sich einem positiven Ergebnis stellen. Auf den Tribünen des Bundestags sitzen in diesem Augenblick mehrere Jugendliche und Kinder mit den typischen runden Gesichtern und mandelförmigen Augen. Einige von ihnen hatten schon am Vortag vor dem Brandenburger Tor demonstriert. Auf ihren T-Shirts stand: "Ich liebe mein Leben - und du?"

Die 33-jährige FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr tritt in einem dunklen Kleid ans Rednerpult, unter dem sich ein sehr runder Bauch abzeichnet. Es ist ihre letzte Sitzungswoche vor dem Mutterschutz, sie erwartet ihr zweites Kind. Sie habe den Bluttest bereits gemacht, sagt Helling-Plahr, weil ihr Kinderwunsch wegen einer Erkrankung riskant gewesen sei. "Vielleicht können Sie nachvollziehen, dass ich in der Schwangerschaft immer wieder große Ängste hatte", sagt sie. Der Test habe ihr diese Sorgen genommen.

"Wir brauchen ein anderes Konzept der Beratung", fordert der CDU-Abgeordnete Henke

"Warum trauen sich Eltern ein Leben mit einem behinderten Kind nicht zu?", fragt die Grüne Katja Dörner. Sie spricht von einem "Zuständigkeitswirrwarr", in dem Eltern zwischen Krankenkassen, Sozialämtern, Kindergärten und Grundschulen umherirren. "Altersarmut ist für viele vorprogrammiert", sagt sie: "Das klingt krass, muss aber hier gesagt werden."

Wie Dörner sprechen viele Abgeordnete aus verschiedenen Fraktionen über die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Über ihre Chancen in der Gesellschaft, über Diskriminierung und die schwere Bürde der werdenden Eltern, die mit einem positiven Test konfrontiert sind: "Sie hadern mit einer Entscheidung, die eigentlich nicht zu treffen ist", sagt Cornelia Möhring von den Linken. "Wir brauchen ein anderes Konzept der Beratung", fordert Rudolf Henke, CDU-Abgeordneter und Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund.

Einige Redner erinnern an alte Science- Fiction-Romane. Brave New World zum Beispiel, von Aldous Huxley, der sich vorstellte, wie Menschen schon vor ihrer Geburt verändert werden. "Noch nie hatte eine politische Generation Entscheidungen zu treffen, die menschliches Leben nachhaltig verändern werden", sagt Pascal Kober (FDP). Die Gendiagnostik, die immer neue Tests hervorbringt, werde den Bundestag immer wieder vor ethische Fragen stellen, warnen viele.

Zur Frage, ob der Bluttest für das Downsyndrom denn nun von der Kasse übernommen werden soll, ist das Meinungsbild allerdings recht eindeutig: Sofern es sich um eine Risikoschwangerschaft handelt, spricht für die meisten Abgeordneten mehr dafür als dagegen.

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