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Pränataldiagnostik:Die Kosten der Gewissheit

Demonstrationen für und gegen das Recht auf Abtreibung

Das Reizthema Schwangerschaftsabbruch ruft immer wieder Demonstranten auf den Plan: Abtreibungsgegner vergangenen Herbst in Berlin.

(Foto: Paul Zinken/picture alliance/dpa)

Selbstbestimmung oder Auslese? Wenn die Abgeordneten im Bundestag über Bluttests bei Schwangeren diskutieren, müssen sie zugleich über Grundsatzfragen des Lebens beraten.

Die Gewissheit, ob das eigene Kind ein Downsyndrom haben wird oder nicht, ist für werdende Eltern auch eine Frage des Geldes. Rund 200 Euro kostet heute ein Test, der mit dem Blut der Mutter das Erbgut des Kindes prüft. Ab der neunten Schwangerschaftswoche liefert er erste Ergebnisse. Da ist der Embryo gerade einmal so groß wie eine Traube.

Für Frauen, die dieses Geld nicht bezahlen und doch eine Risikoschwangerschaft haben, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen seit mehr als 30 Jahren einen Eingriff, zum Beispiel eine Plazenta- oder Fruchtwasseruntersuchung. Auch sie stellt fest, ob der Embryo an einem Downsyndrom erkrankt ist. Ihr Preis ist jedoch das Risiko einer Fehlgeburt.

Dass Krankenkassen ihren Versicherten auch den Gentest bezahlen, der in Deutschland seit mittlerweile sieben Jahren zugelassen ist, dafür spricht viel - aus medizinischer Sicht. Schließlich ist er viel schonender für Mutter und Kind. Doch der Gemeinsame Bundesausschuss aus Ärzten, Kliniken und Krankenkassen, der normalerweise entscheidet, was die Kasse übernimmt und was nicht, tut sich dieses Mal sehr schwer mit seinem Entschluss. Denn, so schrieben es die Ausschussvorsitzenden bereits im Sommer 2016 an den Gesundheitsminister und Abgeordnete des Bundestages, diese Entscheidung berühre "fundamentale ethische Grundfragen unserer Werteordnung".

Werden Mütter behinderter Kinder heute eher kritisch beäugt?

Tatsächlich stellen sich einige Fragen bei einem Bluttest für Schwangere auf Kassenrechnung. Ein positiver Test, der ein Downsyndrom prognostiziert, führt schließlich bei einem großen Teil der Eltern zu dem Entschluss, den Embryo abzutreiben. Doch wenn nun jede Frau den Zugang zu diesem Bluttest hätte, würden dann kaum noch Menschen mit einer solchen Behinderung zur Welt kommen? Hätten diese Kinder dann gar keine Chance mehr zu leben? Andererseits: Darf man Eltern eine schonende Schwangerschaftsuntersuchung verwehren und damit in ihre freie Entscheidung eingreifen?

Am Donnerstag wird der Bundestag in einer Orientierungsdebatte über diese Fragen beraten. Mehr als hundert Abgeordnete aus mehreren Fraktionen haben eine solche Diskussion in einem gemeinsamen Papier eingefordert. Unter ihnen ist die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer, die dagegen ist, dass Krankenkassen für die Bluttests zahlen. "Der Test zielt einzig und allein darauf, Auffälligkeiten zu finden, an denen sich nichts ändern lässt", sagt sie. Ein positives Testergebnis bedeute für Eltern daher bloß, dass sie sich für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden müssten.

An ihrer Seite weiß Rüffer die Fachverbände für Menschen mit Behinderungen. Sie fürchten nicht nur ein Aussortieren der erkrankten Embryonen, sondern auch eine zunehmende Diskriminierung der Familien, die sich für ein Kind mit Downsyndrom entscheiden. Schon heute, sagt Peer Brocke von der Bundesvereinigung Lebenshilfe, würden Mütter von behinderten Kindern in der Gesellschaft eher kritisch beäugt. Mit einem Bluttest auf Kasse würden sie noch öfter gefragt: Musste das sein?

Ihm gegenüber stehen Abgeordnete, die gerade eine Verweigerung des Tests für "ethisch nicht vertretbar" halten. So steht es beispielsweise in einem Positionspapier der FDP-Fraktion zum Bluttest. Sie lehnt es ab, "die Möglichkeit der risikoarmen Informationsbeschaffung von der persönlichen finanziellen Lage der werdenden Mutter abhängig zu machen". Wenn die Kasse nur für riskante Verfahren zahle, sei dies ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frauen. Ohnehin, sagt die FDP-Abgeordnete Katrin Helling-Plahr, gehe es bei der Kassenübernahme nur um Risikoschwangerschaften - und eben nicht um einen regelhaften Bluttest für jede werdende Mutter.

Die SPD-Gesundheitspolitikerin Hilde Mattheis lehnt eine ethische Debatte über den Bluttest ab. Man gehe auf diese Weise schließlich "immer noch davon aus, dass Frauen generell nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt handeln". Anders als in der FDP sind die Meinungen der SPD- und Grünen-Abgeordneten in dieser Frage geteilt. Am Donnerstag werden wohl sowohl Befürworter als auch Gegnerinnen des Bluttests aus beiden Fraktionen im Bundestag sprechen.

In Zukunft könnte man noch viel mehr über Bluttests bestimmen - etwa den Vater des Kindes

Die Union hat in den vergangenen Tagen versucht, eine Position zu finden. Erst lud die Fraktion einen Theologen, einen Humangenetiker, eine Behindertensprecherin und den Vorsitzenden des Gemeinsamen Bundesausschusses ein. Am Montag diskutierte dann das CDU-Präsidium über den pränatalen Bluttest. Beratung und Betreuung von Eltern müssten "immer Ja sagen zum Leben", erklärte Generalsekretär Paul Ziemiak anschließend. Diskutiert wurde die Idee, den Test erst von der 12. Schwangerschaftswoche an zu bezahlen, auch wenn er schon von der neunten Woche an funktioniert. Auf diese Weise könnte man Frauen daran hindern, ohne besondere ärztliche Beratung und medizinische Indikation ihre Schwangerschaft abzubrechen - nämlich noch innerhalb der Frist für einen straffreien Abbruch.

Während die Abgeordneten nun einerseits um eine Kompromisslösung für die Kassenübernahme dieses speziellen Tests ringen, gehen viele von ihnen davon aus, dass es am Donnerstag um weit mehr gehen wird als nur das Downsyndrom. Schließlich entwickelt die Medizin längst eine ganze Palette vorgeburtlicher Gentests. In Zukunft könnten werdende Eltern wohl wesentlich mehr Krankheiten des Kindes als bisher über das Blut der Mutter feststellen, Autismus zum Beispiel. Bluttests könnten es auch ermöglichen, vor der Geburt den Vater des Kindes zu bestimmen. All dies könnte bald immer wieder zu großen ethischen Fragen für die Gesellschaft führen. Denn auch hier ginge es im Extremfall um Leben oder Tod des Embryos.

"Die Debatte darüber muss jetzt beginnen", sagte der SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach. Wie auch viele andere Abgeordnete erwartet er deshalb am Donnerstag eine viel grundsätzlichere Auseinandersetzung über die Zukunft der Gendiagnostik. Lauterbach wird dann ein neues Gremium aus Wissenschaftlern und Ethikern fordern. Sie sollen in Zukunft entscheiden, was in Deutschland erlaubt - und was bezahlt wird.