Bundespräsidentenwahl Hofer arbeitet gekonnt mit Selbstmitleid

Einen letzten Akzent als "Schmerzensmann", wie die Zeit ihn bezeichnete, setzte der siegesgewisse Hofer dann am Freitag auf seiner abschließenden Wahlkampfveranstaltung in Wien, wo er gekonnt mit Emotionen und Selbstmitleid arbeitete, um die letzten Zögerer auf seine Seite zu ziehen: Die vielen Angriffe auf seine Familie, die bösen Bemerkungen über seine Behinderung (Hofer geht nach einem Unfall, der lange zurückliegt, am Stock), all das sei für ihn, den einfachen Menschen aus dem Burgenland, schwer zu ertragen gewesen. "Aber mich bricht man nicht."

Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier rechnet vor, es gebe 80 Prozent Unzufriedene in Österreich, von denen die Empörten Hofer und die Enttäuschten Van der Bellen gewählt hätten. "So dramatische Zahlen hatten wir noch nie". Gleichwohl mutmaßt er, Hofer habe vor allem als Typ, als vergleichsweise junger Kandidat Sympathien errungen, nicht so sehr wegen seiner radikalen Pläne für die Nutzung der Amtsgewalt.

Nur noch 20 Prozent der Bürger sind demnach mit der Regierungsarbeit, den Parteien und dem "System" Österreich zufrieden. Ein Befund, der auch den neuen Bundeskanzler Christian Kern davor warnen ließ, dass den Volksparteien nicht viel Zeit bleibe, wenn sie einen "Aufprall" vermeiden wollten.

Derzeit liegt die FPÖ in Umfragen weit vor den Koalitionären

Sollte am Ende der Auszählung Norbert Hofer die Nase vorn haben, dürfte das für den neuen Kanzler Kern eine harte Zeit werden. Denn selbst wenn Hofer nicht gleich bei erster Gelegenheit die Regierung entlässt, dann wird er jedoch jede Chance nutzen, sich gegen eine große Koalition zu profilieren. Sollte Alexander Van der Bellen knapp gewinnen, hätte Kern einen angenehmen Partner, aber eine weitere Herausforderung vor sich: Viele Wähler, auch das haben Politikexperten vor der Wahl festgestellt, wollten bei aller Empörung über die aktuelle Politik nicht das Land in einer Hand sehen. Das hieße: Sollte es einen FPÖ-Präsidenten geben, würden die Chancen für FPÖ-Parteichef Heinz-Christian Strache sinken, bei der nächsten Wahl Kanzler zu werden. Sollte Van der Bellen als Präsident in die Hofburg einziehen, dürften sich damit Straches Chancen verbessern. Derzeit liegt die FPÖ in Umfragen weit vor den Koalitionären.

Van der Bellen hatte sich aus dem Wahlkampf mit einem offenen Brief an die Wähler verabschiedet. Österreich stehe vor einer Richtungsentscheidung, schrieb er, die Bürger hätten zu wählen zwischen mehr Polarisierung und Zerstörung - oder mehr positivem Miteinander. Die FPÖ hatte auf den letzten Metern für Hofer mit starken Worten geworben: Nur er sei kritisch gegenüber der Europäischen Union; diese habe sich nicht überall einzumischen. Van der Bellen wolle einen EU-Zentralstaat, aber die Österreicher wüssten am besten, was gut sei für ihr Land.

Es sieht nicht so aus, als würde Frieden einziehen in die Republik, wenn das Endergebnis feststeht. Vielmehr wird es von diesem Montag an mit Beschuldigungen aller Art weitergehen: Im Wahlkampf nannte Hofer seinen Kontrahenten einen "faschistischen grünen Diktator". Und Van der Bellen, der Vorzeige-Intellektuelle, nannte seinen Kontrahenten Hofer einen "verlängerten Arm Straches". Sollte Hofer am Ende gewinnen, wird sich die Republik tief spalten. Sollte Van der Bellen gewinnen, rüstet die FPÖ sicherlich zum nächsten Gefecht.