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Werkstatt Demokratie:Politisch sprechen, aber richtig

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Warum der politische Standardsatz unserer Zeit eine Floskel ist, wie man verhindert, dass bei Debatten immer der Lauteste gewinnt und was Groucho Marx damit zu tun hat, erklärt der Politolinguist Thomas Niehr.

SZ: "Man muss die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen." Dieser Satz war auch für die Wahlkämpfe in Sachsen und Brandenburg zentral, wo am Wochenende gewählt wird. Ist das der politische Standardsatz unserer Zeit?

Thomas Niehr: Dieser Satz weist auf ein Phänomen hin, auf das Phänomen des Populismus. Viele Menschen haben tatsächlich das Gefühl, dass ihre Sorgen nicht ernst genommen werden. Vielen wird das auch eingeredet. Doch der Satz kommt so floskelhaft daher, dass ihn niemand mehr ernst nimmt.

Niehr

Thomas Niehr, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft und Politolinguistik an der RWTH Aachen.

(Foto: Peter Winandy; SZ)

Floskelhaft - macht das den Satz aus? Aus linguistischer Sicht?

Der Satz ist nicht falsch. Im Pflichtenheft eines jeden Politikers steht er zu Recht. Und trotzdem: Wenn man bestimmte Äußerungen mantraartig wiederholt, dann führt das dazu, dass sie nur noch als Leerformel wahrgenommen werden, als inhaltsleere Phrase.

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Was ist das eigentlich, politische Sprache? Was ist ihr Ziel?

Zustimmungsbereitschaft zur eigenen Position zu erzeugen. Darum geht es. Von den eigenen Positionen, von den eigenen Lösungen, den eigenen Visionen zu überzeugen. Das Spannende daran ist: Es geht immer gleichzeitig darum, Sachpolitik zu machen und die eigene Macht zu erhalten. Politiker können nur agieren, wenn sie dazu durch die Wähler ermächtigt werden. Das ist das Spannungsverhältnis, in dem sie sich bewegen.

Und wie macht man das am besten? Was sind die sprachlichen Strategien?

Alle Politiker versuchen beispielsweise, sogenannte Hochwertwörter zu besetzen. Ein aktuelles Beispiel ist Nachhaltigkeit. Alle sind für Nachhaltigkeit. Was das aber genau bedeutet, das bleibt oft vage, da muss man schon genauer hinschauen. Für die FDP ist Nachhaltigkeit sicherlich etwas anderes als für Grüne. Aber alle versuchen, derartige Begriffe für sich zu reklamieren.

Das ist aber nicht neu.

Nein. Neu in den letzten Jahren sind die ständigen Tabubrüche. Diese Strategie verwenden nicht alle, das machen vor allem die AfD, die Populisten. Nach dem Motto: "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." Da wird dann beispielsweise behauptet, über Migration dürfe man in diesem Land nicht reden: Dabei redet die AfD über wenig anderes. So wird der öffentliche Diskurs verschoben.

Gibt es diese "Sprechverbote", die meist von rechts beklagt werden, denn tatsächlich nicht?

Ich bezweifle, dass man das in ein Links-rechts-Schema pressen kann, glaube aber schon, dass es innerhalb von Diskursen einen Mainstream gibt. Wenn ich beispielsweise die Position vertreten würde, dass der Klimawandel nicht menschengemacht sei, dann hätte ich natürlich einen schweren Stand. Es gibt ja immer Rahmen, in denen wir uns argumentativ bewegen. Wenn ich die verlasse, also den Konsens über bestimmte Dinge infrage stelle, muss ich zumindest darauf gefasst sein, heftige Gegenreaktionen zu bekommen.

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Das Ergebnis folgt in Kürze auf SZ.de.

(Foto: Manuel Kostrzynski)

Und das immer zu Recht? Viele Menschen sind beispielsweise der Meinung: gendergerechte Sprache, das geht mir zu weit.

Das ist ein Thema, das die Menschen ganz offensichtlich bewegt. Und nicht wenige sagen: Es gibt halt Männer und Frauen und damit muss es auch gut sein. Über andere existierende Geschlechterkategorien wollen sie gar nicht erst nachdenken. Da spielt auch Überforderung eine Rolle, weil man das scheinbar nicht bedienen kann, was da von einem verlangt wird.

Ist die Angst vor der Überforderung nicht begründet?

Sprachwissenschaftler würden eher argumentieren, dass diese Angst insofern unbegründet ist, als ja niemand ernsthaft fordert, in allen Lebenslagen immer perfekt gendergerecht zu formulieren - wenn ich etwa mit meinen Kindern spreche oder auch am berühmten Stammtisch. Darum geht es nicht. Es geht um den öffentlichen Sprachgebrauch, dass zum Beispiel Behörden gendergerecht formulieren sollten - allein schon aus Gerechtigkeitsgründen.

Es existiert gerade das Gefühl einer wachsenden Brutalisierung der Sprache. Eine Art Aufrüstung der Redeweise.

Ich muss immer schmunzeln, wenn ich mich erinnere, wie es zu Zeiten von Strauß, Wehner und Brandt im Parlament zugegangen ist. Ich wage mal die Behauptung, dass wir das nicht mehr wollen, weil sich das gesellschaftliche Bewusstsein gewandelt hat und wir insgesamt politisch korrekter geworden sind. Andererseits sind die Debatten im Bundestag durch die Tabubrüche von rechts und die Reaktionen darauf wieder lebendiger geworden. Weil die etablierten Parteien sich natürlich genötigt fühlen, dem etwas entgegenzusetzen.

Das ist eine Seite. Die andere ist, dass die Debatten gesamtgesellschaftlich unversöhnlicher werden, polarisierter. Politische Gespräche werden schwieriger, weil die Fähigkeit, Ambivalenz zu ertragen, nachlässt. Wie soll man da noch Zustimmungsbereitschaft erzeugen?

Das ist eine schwierige Frage. Auf der einen Seite scheint das TINA-Prinzip - "there is no alternative" - die Leute nicht mehr zufriedenzustellen. Also die Argumentation mit sogenannten Sachzwängen. Aber auf der anderen Seite machen Populisten genau das. Trump sagt: "Ich weiß wie es geht, alle anderen sind Schwachköpfe, basta." Diese simple Rhetorik scheint für viele einen gewissen Reiz zu haben.

"Before I speak I have something important to say", hat Groucho Marx gesagt. Einfach was raushauen und schauen, was passiert. Scheint heute immer besser zu funktionieren.

Das ist ja eigentlich das Gegenteil von dem, was man sonst von politischer Kommunikation gewohnt ist: möglichst diplomatisch, sich absichern in alle Richtungen. Trump macht sich ja auch angreifbar. Ich finde das schon wirklich verblüffend, muss ich zugeben, wie lange das funktioniert.

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