Polen:Wenn's mal wieder später wird

Polen: Die polnische Abgeordnetenkammer ist jünger und weiblicher geworden. Jetzt wird eine Möglichkeit geschaffen, seine Kinder während der Sitzungen betreuen zu lassen.

Die polnische Abgeordnetenkammer ist jünger und weiblicher geworden. Jetzt wird eine Möglichkeit geschaffen, seine Kinder während der Sitzungen betreuen zu lassen.

(Foto: MARCIN BANASZKIEWICZ/FOTONEWS/IMAGO/newspix)

Das polnische Abgeordnetenhaus ist nach der Wahl jünger und weiblicher geworden - und hat nun sogar eine Kita. Mit Öffnungszeiten, von denen andere Arbeitnehmer mit Kindern nur träumen können.

Von Viktoria Großmann, Warschau

Auch Abgeordnete haben Kinder. Vielleicht auch so kleine Kinder, dass diese nicht allein zu Hause bleiben können, wenn die Sitzung im Sejm mal wieder länger dauert. Deshalb wird am Sitz der polnischen Abgeordnetenkammer im Zentrum von Warschau nun ein Kindergarten eingerichtet. Das Interesse ist noch nicht überragend, aber das Angebot zeigt den neuen Stil im Parlament, wo nun liberale Kräfte in der Mehrheit sind.

Eine Kita im Sejm - das war eines der Herzensprojekte des neuen Sejm-Marschalls, also des Vorsitzenden dieser Kammer. Szymon Hołownia hat zwei Töchter, sechs und zwei Jahre alt. Neulich veröffentlichte er ein Foto, auf dem zu sehen war, wie seine jüngere Tochter auf dem Teppich in seinem Sejm-Büro einen Purzelbaum schlägt.

Polen: Szymon Hołownia, der neue Sejm-Marschall, will dabei mitwirken, ein neues Vater-Bild zu prägen.

Szymon Hołownia, der neue Sejm-Marschall, will dabei mitwirken, ein neues Vater-Bild zu prägen.

(Foto: DAMIAN BURZYKOWSKI/IMAGO/newspix)

Doch während Hołownia für dieses Foto viel positiven Zuspruch erhielt, hatte sich kurz zuvor im Internet eine Welle der Empörung über die Abgeordnete Aleksandra Gajewska von der Regierungspartei Bürgerplattform ergossen. Sie hatte ihren vier Jahre alten Sohn mit in den Sitzungssaal gebracht. Mehr Remmidemmi als die bei der Wahl unterlegene PiS-Partei können Kinder im Sitzungssaal eigentlich kaum veranstalten. Dennoch haben sie in einer Kita vermutlich mehr Spaß. Hier will jetzt der Sejm als Arbeitgeber mit gutem Beispiel vorangehen.

Denn die beiden Fälle zeigen, woran es in Polen fehlt: an Betreuungsplätzen für Kleinkinder und an Verständnis für Mütter, die arbeiten gehen. In einer Diskussionsrunde über Familienpolitik vor der Wahl hieß es, Frauen bekämen in Polen kein zweites Kind, weil es schon mit einem Kind so schwer sei. Mütter gehen nach einer Geburt erst spät wieder arbeiten, nur knapp ein Viertel der Kinder unter drei Jahren werden außer Haus betreut - meist nicht länger als bis 16 Uhr. Die Sejm-Kita soll an Sitzungstagen geöffnet sein, und zwar so lange, wie die Debatten und Abstimmungen eben dauern.

Der PiS-Vorsitzende hatte den jungen Polinnen vorgeworfen, sie tränken zu viel Alkohol

So eine Betreuungsstelle mag in dieser Legislatur auch relevanter sein als in der vorigen. Nach der Wahl am 15. Oktober ist der Sejm jünger und weiblicher geworden. Gut 29 Prozent der Abgeordneten sind Frauen, die höchsten Frauenanteile haben die Tusk-Partei Bürgerplattform und die Linke. Während in der letzten Kadenz der PiS-Regierung das Durchschnittsalter der Abgeordneten noch bei über 50 lag, ist es nun auf zwischen 40 und 49 Jahren gesunken. Damit ist auch die Wahrscheinlichkeit größer geworden, dass jemand noch Kindergartenkinder hat.

Hołownia, 47 Jahre alt, früher Fernsehmoderator, verheiratet mit einer Militär-Pilotin und Gründer der christlich-grünen Partei Polska 2050, gibt sich Mühe, ein neues Vater-Bild zu prägen. Seine Parteikollegin, die Europaabgeordnete Róża Thun, lobt ihn als verantwortungsbewussten Vater, der sich aus tiefer Überzeugung für die Gleichstellung von Mann und Frau zu Hause und im Beruf einsetze.

Der PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczyński, 74 Jahre alt, hatte den jungen Polinnen vorgeworfen, sie tränken zu viel Alkohol und bekämen deshalb keine Kinder. Die neuen Regierungsparteien sehen das Problem woanders - sie haben sich in ihre Programme geschrieben, die Kinderbetreuung zu fördern und auszubauen.

Zur SZ-Startseite
Kandidatur

SZ PlusUS-Wahl 2024
:Wer fürs Weiße Haus kandidiert

Donald Trump und Joe Biden sind die Favoriten. Aber auch andere Frauen und Männer wollen US-Präsident werden.

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: