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Wahlkampf-Skandal in Paris:Plattitüde im Rampenlicht

Eklat um Bürgermeister-Kandidaten in Paris

Fällt gerne durch Provokation auf: Aktionskünstler Pjotr Pawlenski.

(Foto: dpa)
  • Der Aktionskünstler Pjotr Pawlenski hat ein Video verbreitet, das angeblich Macrons bisherigen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Paris beim Masturbieren zeigt.
  • Damit hat er das Verfahren des "Kompromat", des kompromittierenden Informationsmaterials, aufgegriffen, mit dem im russischen Obrigkeitssystem politische Feinde ausgeschaltet werden.
  • Mit Kunst hat das allerdings nicht mehr viel zu tun.

Dem romantischen Traum, unter Einsatz des eigenen Körpers fern von Museen und Darstellungskonventionen im Happening Kunst unmittelbar in Wirklichkeit aufgehen zu lassen, hängen viele an. Der 35-jährige Russe Pjotr Pawlenskij ist ein besonders radikaler Vertreter. Mit seinen Initiativen kurvt der Mann mit dem ausgemergelten Gesicht zwischen Politaktion, Selbstinszenierung und sensationeller Selbstverstümmelung. Mit dem auf seiner Internetseite verbreiteten Privatvideo, das angeblich Benjamin Griveaux, Macrons bisherigen Kandidaten für die Pariser Bürgermeisterwahl, beim Masturbieren zeigt, hat er eine neue Stufe seines Aktionismus erreicht.

Die Affäre schlägt in Frankreich Wellen der Empörung, nicht gegen den Kandidaten, der sich aus dem Rennen zurückgezogen hat, sondern gegen den Künstler. Zum ersten Mal kommt hier ein französischer Politiker über eine vom Gesetz nicht strafbare angebliche Moralaffäre zu Fall. Es zeigt sich, dass das Polit- und Kunsthappening im Zeitalter der massiven Verbreitung über die sozialen Medien offensichtlich neue Formen annimmt.

In seinen früheren Aktionen in Russland gegen das autoritäre Regime unter Putin hat Pawlenskij vor laufender Kamera seine Gegner geschickt mit ins Happening einzubinden verstanden. Als er sich 2012 nach der Verhaftung der Punksängerinnen von Pussy Riot mit vernähten Lippen und einem Protestschild in Sankt Petersburg aufstellte, konnte die Polizei ihn nicht vernehmen, da er ja nicht sprechen konnte. Bei der Operation "Fixation" knapp ein Jahr später, wo er sich mit festgenageltem Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau niedergelassen hatte, standen die Polizisten ratlos um den nicht festnehmbaren Mann herum. Vor knapp drei Jahren kam er nach Frankreich, erhielt politisches Asyl und machte weiter. Auch die elfmonatige Gefängnishaft 2018 wegen Brandstiftung in einer Pariser Bankfiliale schien er als Teil seiner Kunst zu verstehen.

Pawlenski improvisiert eine Pressekonferenz zum Video

Mit dem nun in Umlauf gebrachten Video ändern sich aber die Regeln. Statt des eigenen gemarterten Körpers wird der aus der Privatsphäre entführte Körper eines Politikers ins Rampenlicht gerückt. Das Verfahren des "Kompromat", des kompromittierenden Informationsmaterials, mit dem im russischen Obrigkeitssystem politische Feinde ausgeschaltet werden, hat Pawlenskij aufgegriffen und ganz kunstfrei gegen den französischen Wahlprozess gewendet. Der Kandidat Griveaux habe im Wahlkampf mit Familienidylle punkten wollen. Mit dem Video zeige er nun dessen wahres Gesicht, erklärte Pawlenskij in einer improvisierten Pressekonferenz: Dieser Kandidat gehöre zur verlogenen Politikerclique.

Nicht wegen seines noch radebrechenden Französisch war diese Erklärung so peinlich, sondern wegen der Plattitüde. Mit der Aussagekraft der zugenähten Lippen hat das nichts mehr zu tun. Alles erscheint fragwürdig und zwielichtig bei dieser Affäre - angefangen mit dem Künstler selbst, gegen den wegen Gewalt mit einem Küchenmesser in der Silvesternacht schon ein Gerichtsverfahren läuft.

Wie das offenbar zwei Jahre alte Video in seinen Besitz kam, bleibt unklar. Mutmaßungen zufolge soll seine gegenwärtige Lebenspartnerin Alexandra de Taddeo, die am Wochenende zusammen mit ihm wegen Verletzung des Rechts auf Privatsphäre in Untersuchungshaft kam, ebenjene junge Frau sein, für die ursprünglich das Video bestimmt war. Auch andere Figuren im Umfeld wirken obskur, wie der als Linksaktivist bekannte Anwalt Juan Branco oder der aus Macrons Partei ausgeschlossene Parlamentsabgeordnete Joachim Son-Forget, der die Klicks zum Video mit scheinheiligem Bedauern erst in Gang brachte. Nur eins funktioniert unverändert weiter in Pawlenskijs Kunst: die Einbindung des Publikums in seine Aktion, das per Maustaste aus dem fragwürdigen Happening ein Ereignis machte.

© SZ vom 18.02.2020/tmh
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