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Philosoph Otfried Höffe:"Merkel mangelt es oft wohl an Courage"

Hat Präsident Gauck recht, muss die Kanzlerin die Euro-Rettung besser erklären? Ja, sagt der Philosoph Otfried Höffe. Wer in seinen Visionen die Probleme unterschlage, betrüge den Bürger.

Otfried Höffe, Jahrgang 1943, ist Philosoph. Der Tübinger Professor publizierte unter anderem zu Aristoteles, Thomas Hobbes und Immanuel Kant. Er ist Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen.

Dämonisiert: Kanzlerin Angela Merkel wird wegen ihrer Euro-Politik in Griechenland in Nazi-Nähe gerückt. Dieses Foto wurde in Athen aufgenommen.

Dämonisiert: Kanzlerin Angela Merkel wird wegen ihrer Euro-Politik in Griechenland in Nazi-Nähe gerückt. Dieses Foto wurde in Athen aufgenommen.

(Foto: REUTERS)

Süddeutsche.de: Herr Höffe, der Bundespräsident fordert von der Kanzlerin, ihr Euro-Krisenmanagement besser zu erklären. Hat Joachim Gauck recht mit seiner Kritik?

Otfried Höffe: Recht hat er. Die Regierenden können sich nicht darauf berufen, dass Politik zu facettenreich und komplex sei, um sie zu erklären. Denn diese beiden Punkte spielen momentan nicht die entscheidende Rolle.

Süddeutsche.de: Um was geht es dann?

Höffe: Das, was bei den Bürgern vorherrscht, sind Unsicherheit, Sorgen und gelegentlich auch Ärger. Sie merken, dass kommunale Leistungen gestrichen werden und auf der anderen Seite gewaltige Summen bewegt werden. Und das angeblich, um die Risiken für den Bürger, seine Kinder und Kindeskinder zu minimieren. Dieses muss zuerst glaubhaft und sodann weit besser erklärt werden.

Süddeutsche.de: Aber wie soll Angela Merkel das machen?

Höffe: Bei aller Wertschätzung für die Kanzlerin: Sie hat bislang versäumt, über ihren Kurs, der ja die Position Deutschlands ist, klar zu informieren und ihn sowohl verständlich, als auch nachvollziehbar zu machen.

Süddeutsche.de: Ein Beispiel, bitte.

Höffe: Ministerpräsident Mario Monti fordert von Berlin Respekt für Italien, in Griechenland wird Merkel in Nazi-Nähe gerückt. Dabei sind beide Länder Bittsteller und müssten heilfroh sein, dass Deutschland ihnen hilft. Verunglimpfungen dürfen nicht kommentarlos übergangen werden. Wenn man auf europäischer Ebene inakzeptabel behandelt wird, fördert das nicht gerade das Verständnis und die Empathie der Bürger. Merkel sollte sich gegen solche Verzerrungen der Realität wehren und persönliche Angriffe deutlich zurückweisen.

Süddeutsche.de: Dagegenhalten könnte als nationalistischer Unterton missverstanden werden.

Höffe: Ich halte das Risiko für gering. Trotz der beschämenden NSU-Verbrechen dürfte die Gefahr nationalistischer Aufwallungen nirgendwo geringer als in Deutschland sein. Es ist legitim, dass die von den Deutschen gewählte Regierungschefin deutsche Interessen vertritt. Wir halten es doch für selbstverständlich, dass die Italiener für Italien, die Polen für Polen und die Franzosen für Frankreich sich einsetzen, hoffentlich immer auch mit einer europäischen Perspektive.