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Philosoph Marc Jongen:Jongen nutzt die Mechanismen von Verschwörungstheorien

Der gebürtige Südtiroler, Jahrgang 1968 und 2011 in Deutschland eingebürgert, hat 2003 bei Sloterdijk zum Thema "Tradition und Wahrheit" promoviert, seitdem stagniert seine wissenschaftliche Karriere. Sein Doktorvater ließ sich kürzlich mit dem Satz zitieren, er sähe es lieber, Jongen bringe seine "seit langem überfällige" Habilitationsschrift zu Ende. Allerdings setzt Jongen momentan offenbar andere Prioritäten. An dem Programm, mit dem die AfD in vier Wochen bei der Landtagswahl antritt, hat er wesentlich mitgeschrieben. Und er strebt nach mehr: Im vergangenen Sommer ließ er sich für den Bundesvorstand aufstellen und wurde nur knapp nicht hineingewählt. Die Wahl in Baden-Württemberg allerdings könnte ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein.

Auch wenn sein Name nicht auf der Wahlliste steht, ist Jongen in diesen Wochen als Wahlkämpfer unterwegs und hält fast jede Woche irgendwo in der baden-württembergischen Provinz einen seiner Vorträge. Jongen ist ein geübter Redner, er spricht ruhig und selbstbewusst. Seine Argumente verdeutlicht er nicht nur mit Powerpoint-Präsentationen, er garniert sie wirkungsvoll mit Verschwörungstheorien. Auf einem Vortrag über die Flüchtlingskrise zitiert er Theorien, nach denen es internationale Pläne gebe, das deutsche Volk zu schwächen, indem eine "Mischbevölkerung" gebildet werden solle. Noch während des Vortrags distanziert er sich von solchen Theorien, schiebt aber hinterher: Wenn Saboteure das Land übernommen hätten, würden sie wohl genau so vorgehen.

Auch auf Nachfragen antwortet er per Mail, dass er nicht an einen düsteren Masterplan glaube, dafür seien die globalen Akteure und deren Interessen zu vielfältig. Er zitiert diese Thesen also nicht, weil er ihnen selbst anhängt - sondern weil er weiß, dass er sie für seine Zwecke nutzen kann. Ohne sie sich zu eigen zu machen, kann er darauf vertrauen, dass bei seinem Publikum die Sorge vor der Weltverschwörung hängen bleibt - und nicht die anschließende Relativierung.

Jongen geht subtil vor. Er bezeichnet sich auf seiner Webseite selbst als "avantgarde-konservativ", was irgendwie elegant klingt. Gleichzeitig distanziert er sich nicht von den radikalen Stimmen seiner Partei. Im Gegenteil: Diejenigen, die lautschlagen, arbeiten aktiv an dem, was Jongen für unabdingbar hält, um die "Bedrohung" abzuwehren, der er Deutschland ausgesetzt sieht: Sie heben den Zorn, den Thymos im Volk. Und so lässt er es sich auch gefallen, wenn der rechte Publizist und Pegida-Redner Götz Kubitschek ihn in einem Artikel als große Hoffnung der Bewegung lobt. "So klingt ein selbstbewusster Ton", jubiliert Kubitschek. Und frohlockt, dass Jongen derzeit an einer philosophischen Grundlegung der AfD arbeite. Er erwarte einen "echten Überflug", so Kubitschek, "einordnend, relativierend und mobilisierend" für alle, die "an der Ausweitung der Kampfzone" und an einer "Vertiefung des Risses durch die Gesellschaft" mitwirkten.

Ihn scheint das Gefühl zu faszinieren, dass es jetzt endlich um etwas geht

Der Riss in der Gesellschaft ist keine bloße Zeitdiagnose, für Jongen verdeutlicht er das Potenzial der AfD. Sie soll den Riss nicht kitten, sondern tiefer treiben. Als politischer Stratege bezieht er sich auf Friedrich Nietzsche und Carl Schmitt, mit denen er eine Skepsis gegenüber dem trägen Establishment teilt. Ähnlich wie Schmitt zur Zeit der Weimarer Republik zeichnet Jongen das Bild einer "strukturellen Korruption der Politik", der man eine vitalere Bewegung entgegensetzen müsse. In einem Interview mit der AfD-nahen Internetzeitung Freie Welt spricht er von einem "Ausnahmezustand", der "unkorrumpierte Persönlichkeiten mit dem Mut zur Wahrheit" erfordere. Solche Persönlichkeiten sieht er in der AfD. Die Rechtfertigung für diese Selbstermächtigung liefert Jongen ebenfalls: Der deutschen Kultur drohe eine "existenzielle Großgefahr", ihr drohe ihr eigenes Verschwinden.

Jongen beschwört gerne das Große, Existenzielle. Das Gefühl, dass es jetzt endlich um etwas geht, scheint ihn zu faszinieren. Er sieht die AfD mit einer "historischen Mission" ausgerüstet und begründet damit vor allem auch seine eigene. In seinem im Magazin Cicero erschienenen "Manifest", in dem er sich metaphorisch das Gespenst von Karl Marx auslieh, schrieb Jongen vor zwei Jahren, dass die AfD "bereits von allen Mächten in Deutschland als eine Macht anerkannt" werde. In Baden-Württemberg liegt sie nach aktuellen Umfragewerten momentan bei 10,5 Prozent. Wenn die AfD dort nun tatsächlich in den Landtag einzieht, würde das auch Jongens politische Karriere anschieben. Und ihn seinem Ziel, in den Bundesvorstand einzuziehen, ein Stück näher bringen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, HfG-Rektor Zielinski habe sich bislang noch nicht in der Sache Jongen geäußert. Wir haben das inzwischen aktualisiert.

© sz.de/mbä

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