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Philosoph Marc Jongen:Der Wutdenker der AfD

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Marc Jongen während einer Rede.

(Foto: imago/Gerhard Leber)
  • Marc Jongen gilt als Parteiphilosoph der Alternative für Deutschland.
  • Er sagt, die AfD sei die einzige Partei, die Wut und Zorn in der Bevölkerung nicht nur ernst nehme, sondern anzufeuern wisse.
  • Die Karlsruher Hochschule für Gestaltung ist wegen Jongen in Aufruhr.

Von Karin Janker

Der Streit an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG) schwelt schon seit Monaten. Doch erst vor Kurzem ist er für alle sichtbar geworden: "AfD und Kargida not welcome" stand auf dem Plakat, das Studierende über dem Eingang der Hochschule aufgehängt hatten. Gemeint waren damit der Karlsruher Ableger der Pegida-Bewegung und AfD-Politiker Marc Jongen. Er unterrichtet an der HfG Philosophie und ist gleichzeitig stellvertretender Landesvorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD) in Baden-Württemberg. Manchen gilt er gar als Parteiphilosoph, als jener Mann, der das theoretische Gerüst nachliefert für Krawall-Politiker wie Frauke Petry, die davon reden, mit scharfen Waffen auf Flüchtlinge zu schießen. An ihm entzündete sich die Auseinandersetzung, die symptomatisch steht für eine bundesweit immer dringender werdende Frage: Wie umgehen mit der sogenannten Neuen Rechten, die sich in der AfD formiert?

Für viele Studierende ist die Sache klar: Einige versuchten jüngst eine von Jongens Veranstaltungen zu stören, die dieser in seiner Freizeit abhält. Auf Vorträgen spricht er über die Konsequenzen des "Asylchaos" und über das "Versagen der Politik". In dem Moment, als der Redner gerade ansetzte, über die Vorfälle von Köln zu sprechen, entrollten sie ein Plakat mit der Aufschrift "Vorurteile bekämpfen". Jongen versuchte, die Studierenden aus dem Saal weisen zu lassen und schrieb später, dass er sich Buntheit nicht verordnen lassen wolle. Die Studierendenvertretung teilte ihrerseits mit, dass "solche Inhalte an der HfG keinen Platz haben". Man fürchte um den Ruf der Kunsthochschule und berief eine Vollversammlung ein.

Die kleine Hochschule mit ihren gut 400 Studierenden ist in Aufruhr. Professoren distanzierten sich in einem offenen Brief von Jongen, der viele Jahre Assistent des früheren Rektors Peter Sloterdijk war. Sloterdijk mischte sich ein und soll die Briefschreiber als Denunzianten bezeichnet haben. Interimsrektor Volker Albus äußerte sich mit einer Stellungnahme, in der er Jongens politische Tätigkeit als dessen "Privatangelegenheit" bezeichnete. Seit Anfang Februar ist nun Siegfried Zielinski neuer Rektor, in einem Interview im Deutschlandradio Kultur sagte er, dass Jongen Mitglied einer legalen Partei sei "und damit auch nicht kündbar".

Jongen legt nach eigenen Angaben Wert darauf, politische und akademische Arbeit zu trennen. Nicht einmal das Uni-Telefon möchte er benutzen, wenn es darum geht, über seine Rolle in der AfD zu sprechen. Seit dem offenen Streit an der Hochschule sind die Medien auf ihn aufmerksam geworden. Den Titel Parteiphilosoph hat ihm die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung verliehen - er schmeichelt Jongen. Und könnte ihm langfristig nützen: Die Mehrheit der AfD-Anhänger rekrutiert sich Umfragen zufolge aus gebildeten Milieus, 51 Prozent verfügen über Abitur oder Studium.

Die AfD steht für das Wehrhafte, das Heroische, das Starke

Jongen ist eben kein Björn Höcke, er argumentiert lieber mit Platon als mit dumpfen Parolen. Aber er verteidigt Höcke und lobt, dass die AfD die einzige Partei sei, die Wut und Zorn in der Bevölkerung nicht nur ernst nehme, sondern anzufeuern wisse. Die "Thymos-Spannung heben" nennt Jongen das im Gespräch mit Journalisten. Was nichts anderes heißt, als den Zorn der Bürger zu schüren. Thymos ist bei Platon, neben Logos und Eros, eine der drei Gemütsbewegungen des Menschen. Der Wutbürger habe eben eine erhöhte Thymos-Spannung.

Versucht man Jongen mit der Frage zu konfrontieren, ob er tatsächlich wolle, dass der Zorn in der Gesellschaft steigt, wird deutlich, wie vorsichtig er im Umgang mit Medien inzwischen ist. Kein Interview mehr, nur schriftliche Fragen, jede Kürzung in seinen Antworten will er vorab vorgelegt bekommen. Aber dann streitet er keineswegs ab, dass er sich einen kräftigeren Thymos wünscht. "Zorn und Protest sind für die AfD aber kein Selbstzweck, sondern haben ein ganz konkretes Ziel: die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen, sodass die Sicherheit im Land und der soziale Frieden nicht weiter gefährdet werden", schreibt er in seiner Antwort.

In dem Szenario, das Jongen hier suggeriert, ist die Verfassung in Deutschland außer Kraft und der Wutbürger die Instanz, die die Sicherheit im Land gewährleistet. Eine Ordnung wiederherzustellen, ist ein vollmundiges Versprechen in diesen unübersichtlichen Zeiten. Wohlklingend für alle, die überfordert und desorientiert sind. Jongen sagt, er wünsche sich "mehr Selbstachtung". Wut, Ordnung und Stolz, darauf ist sein Konzept gebaut.

Vor allem aber, das betont Jongen immer wieder, müsse das Erregungsniveau gehoben werden, damit die Deutschen nicht länger "wehrlos" seien gegenüber "robusteren Naturellen", sagte er der FAS. Er schürt die Angst vor einer Bedrohung durch "Masseneinwanderung", um dieser "Gefahr" dann die AfD als Gegenwehr entgegenzusetzen. Denn die AfD steht in Jongens Darstellung für das Wehrhafte, das Heroische, das Starke.

Jongen nutzt die Mechanismen von Verschwörungstheorien

Der gebürtige Südtiroler, Jahrgang 1968 und 2011 in Deutschland eingebürgert, hat 2003 bei Sloterdijk zum Thema "Tradition und Wahrheit" promoviert, seitdem stagniert seine wissenschaftliche Karriere. Sein Doktorvater ließ sich kürzlich mit dem Satz zitieren, er sähe es lieber, Jongen bringe seine "seit langem überfällige" Habilitationsschrift zu Ende. Allerdings setzt Jongen momentan offenbar andere Prioritäten. An dem Programm, mit dem die AfD in vier Wochen bei der Landtagswahl antritt, hat er wesentlich mitgeschrieben. Und er strebt nach mehr: Im vergangenen Sommer ließ er sich für den Bundesvorstand aufstellen und wurde nur knapp nicht hineingewählt. Die Wahl in Baden-Württemberg allerdings könnte ein wichtiger Schritt in diese Richtung sein.

Auch wenn sein Name nicht auf der Wahlliste steht, ist Jongen in diesen Wochen als Wahlkämpfer unterwegs und hält fast jede Woche irgendwo in der baden-württembergischen Provinz einen seiner Vorträge. Jongen ist ein geübter Redner, er spricht ruhig und selbstbewusst. Seine Argumente verdeutlicht er nicht nur mit Powerpoint-Präsentationen, er garniert sie wirkungsvoll mit Verschwörungstheorien. Auf einem Vortrag über die Flüchtlingskrise zitiert er Theorien, nach denen es internationale Pläne gebe, das deutsche Volk zu schwächen, indem eine "Mischbevölkerung" gebildet werden solle. Noch während des Vortrags distanziert er sich von solchen Theorien, schiebt aber hinterher: Wenn Saboteure das Land übernommen hätten, würden sie wohl genau so vorgehen.

Auch auf Nachfragen antwortet er per Mail, dass er nicht an einen düsteren Masterplan glaube, dafür seien die globalen Akteure und deren Interessen zu vielfältig. Er zitiert diese Thesen also nicht, weil er ihnen selbst anhängt - sondern weil er weiß, dass er sie für seine Zwecke nutzen kann. Ohne sie sich zu eigen zu machen, kann er darauf vertrauen, dass bei seinem Publikum die Sorge vor der Weltverschwörung hängen bleibt - und nicht die anschließende Relativierung.

Jongen geht subtil vor. Er bezeichnet sich auf seiner Webseite selbst als "avantgarde-konservativ", was irgendwie elegant klingt. Gleichzeitig distanziert er sich nicht von den radikalen Stimmen seiner Partei. Im Gegenteil: Diejenigen, die lautschlagen, arbeiten aktiv an dem, was Jongen für unabdingbar hält, um die "Bedrohung" abzuwehren, der er Deutschland ausgesetzt sieht: Sie heben den Zorn, den Thymos im Volk. Und so lässt er es sich auch gefallen, wenn der rechte Publizist und Pegida-Redner Götz Kubitschek ihn in einem Artikel als große Hoffnung der Bewegung lobt. "So klingt ein selbstbewusster Ton", jubiliert Kubitschek. Und frohlockt, dass Jongen derzeit an einer philosophischen Grundlegung der AfD arbeite. Er erwarte einen "echten Überflug", so Kubitschek, "einordnend, relativierend und mobilisierend" für alle, die "an der Ausweitung der Kampfzone" und an einer "Vertiefung des Risses durch die Gesellschaft" mitwirkten.

Ihn scheint das Gefühl zu faszinieren, dass es jetzt endlich um etwas geht

Der Riss in der Gesellschaft ist keine bloße Zeitdiagnose, für Jongen verdeutlicht er das Potenzial der AfD. Sie soll den Riss nicht kitten, sondern tiefer treiben. Als politischer Stratege bezieht er sich auf Friedrich Nietzsche und Carl Schmitt, mit denen er eine Skepsis gegenüber dem trägen Establishment teilt. Ähnlich wie Schmitt zur Zeit der Weimarer Republik zeichnet Jongen das Bild einer "strukturellen Korruption der Politik", der man eine vitalere Bewegung entgegensetzen müsse. In einem Interview mit der AfD-nahen Internetzeitung Freie Welt spricht er von einem "Ausnahmezustand", der "unkorrumpierte Persönlichkeiten mit dem Mut zur Wahrheit" erfordere. Solche Persönlichkeiten sieht er in der AfD. Die Rechtfertigung für diese Selbstermächtigung liefert Jongen ebenfalls: Der deutschen Kultur drohe eine "existenzielle Großgefahr", ihr drohe ihr eigenes Verschwinden.

Jongen beschwört gerne das Große, Existenzielle. Das Gefühl, dass es jetzt endlich um etwas geht, scheint ihn zu faszinieren. Er sieht die AfD mit einer "historischen Mission" ausgerüstet und begründet damit vor allem auch seine eigene. In seinem im Magazin Cicero erschienenen "Manifest", in dem er sich metaphorisch das Gespenst von Karl Marx auslieh, schrieb Jongen vor zwei Jahren, dass die AfD "bereits von allen Mächten in Deutschland als eine Macht anerkannt" werde. In Baden-Württemberg liegt sie nach aktuellen Umfragewerten momentan bei 10,5 Prozent. Wenn die AfD dort nun tatsächlich in den Landtag einzieht, würde das auch Jongens politische Karriere anschieben. Und ihn seinem Ziel, in den Bundesvorstand einzuziehen, ein Stück näher bringen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, HfG-Rektor Zielinski habe sich bislang noch nicht in der Sache Jongen geäußert. Wir haben das inzwischen aktualisiert.

© sz.de/mbä

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