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Pädophilie-Debatte:Trittins Verantwortung

Noch lange nach dem Krieg ging es um Verstrickungen von Politikern, wie sie mit der Causa Trittin nicht zu vergleichen sind. Union und FDP sollten sich, historisch betrachtet, lieber in Demut üben. Heute werden Karrieren schon aufgrund vergleichsweise winziger Verfehlungen geknickt. Entlastet das Trittin? Keineswegs.

Das tut weh: Frauen aus der Union fordern die Grünen in einem emotionalen Appell auf, "zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen nicht zu schweigen". Die Grünen, die sich seit Gründertagen als Moralos verstehen, stets bereit, anderen den Spiegel vorzuhalten, müssen nun selbst hineinsehen.

Es ist ja weniger die Tatsache, dass Pädophile vor drei Jahrzehnten in der Partei geduldet wurde. Das Problem ist, wie schwer sich manche Grüne damit tun, dies zuzugeben; besonders schwer tat sich Spitzenkandidat Jürgen Trittin, der sich erst spät zu einer Entschuldigung durchrang. Er kann als Opfer eines Trends gelten, den die Grünen selbst stets genutzt, ja mitgeschaffen haben. Die Gesellschaft ist immer sensibler geworden für moralische Fragen. Besonders die Rechte von Kindern, Frauen, Minderheiten sind heute unstrittig, zumindest in der Theorie.

Gewiss ist kurz vor der Wahl Heuchelei dabei, wenn die Regierungsparteien die Grünen unter Berufung auf die Geschichte als Kinderfeinde anprangern. Schaut man zurück in diese Geschichte, gab es viele Parlamentarier, bei denen man sehr froh hätte sein können, wäre es bei ihnen, wie bei Trittin, nur um die presserechtliche Verantwortung für ein Wahlprogramm gegangen.

Noch lange nach dem Krieg ging es wirklich um bestürzende Dimensionen von Verstrickung in Schuld, wie sie mit der Causa Trittin überhaupt nicht zu vergleichen sind. Union und FDP sollten sich, historisch betrachtet, lieber in mehr Demut üben. Vor allem diese Parteien duldeten und deckten über Jahrzehnte Prominente in ihren Reihen, die Mittäter in der Nazizeit gewesen waren. Ernst Achenbach, FDP, war beteiligt am Holocaust und gründete nach 1945 ein Netzwerk von Altnazis. Richard "Kopf-ab"-Jäger von der CSU, ehemaliges NSDAP- und SA-Mitglied, forderte die Wiedereinführung der Todesstrafe.

All das galt als salonfähig. Heute aber werden Karrieren aufgrund vergleichsweise winziger Verfehlungen geknickt. Die allgemeine Moralisierung hat auch ihre Nachteile: Hysterie und die Neigung, Dinge aus dem Zusammenhang zu reißen oder diese Zusammenhänge von vornherein nicht zu verstehen.

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