Österreich:Ein Suizidversuch erschüttert die FPÖ

Lesezeit: 3 min

Österreich: FPÖ-Chef Herbert Kickl und Hans-Jörg Jenewein

FPÖ-Chef Herbert Kickl (rechts) und sein enger Vertrauter Hans-Jörg Jenewein im Juli 2019 in Wien.

(Foto: Hans Punz/picture alliance)

Der Fall rund um Funktionär Hans-Jörg Jenewein legt einen seit Monaten schwelenden Machtkampf offen - im Zentrum: Parteichef Herbert Kickl. Die Angelegenheit dürfte längst nicht erledigt sein.

Von Leila Al-Serori, Wien

Der ehemalige FPÖ-Parlamentsabgeordnete Hans-Jörg Jenewein war keiner, der besonders stark von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde - bis zur vergangenen Woche, als sich plötzlich die Ereignisse überschlagen. Österreichische Medien berichten, dass Jenewein Parteifreunde wegen des Missbrauchs von Spenden in Millionenhöhe angezeigt haben soll - und zwar anonym. Am Donnerstag gibt er daraufhin seinen Parteiaustritt bekannt, er deaktiviert seine Social-Media-Accounts und ist nicht mehr erreichbar. In der Nacht auf Sonntag findet ihn seine Frau bewusstlos auf der Couch im gemeinsamen Haus in Niederösterreich. Jenewein wird ins Krankenhaus eingeliefert, er soll versucht haben, sich umzubringen.

Seither steht die FPÖ kopf. Denn auch wenn Jenewein kein hohes Amt innehatte, so galt er doch als die rechte Hand von Parteichef Herbert Kickl, als sein Ausputzer, sein Mann fürs Grobe. In österreichischen Medien kursieren nun immer mehr Hintergründe zu der Causa, die auch ein besonders schlechtes Licht auf Kickl werfen. Und die FPÖ wohl noch länger beschäftigen werden.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte mit einer Razzia im Herbst 2021. Die Staatsanwaltschaft vermutet enge Kontakte von Jenewein zu einem mutmaßlich korrupten Beamten des Verfassungsschutzes. Dem FPÖ-Politiker wird bei der Hausdurchsuchung sein Handy abgenommen, dabei stoßen die Ermittler auf den Entwurf einer anonymen Anzeige, die im Oktober 2021, also kurz vor der Razzia, eingebracht worden war. Berichten zufolge geht es dabei um einen mutmaßlich millionenschweren Missbrauch von Fördermitteln durch FPÖ-nahe Vereine. Namentlich angezeigt wurden Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache, der frühere Fraktionschef Johann Gudenus, der Wiener FPÖ-Chef Dominik Nepp sowie dessen gesamte Landespartei.

Ging die Intrige von Parteichef Kickl aus?

Zur Erinnerung: Seit Bekanntwerden der Ibiza-Affäre ermittelt die Wiener Korruptionsstaatsanwaltschaft im Umfeld FPÖ-naher Vereine wegen des Verdachts verdeckter Parteispenden. Nach dem Fund auf seinem Handy wird Jenewein von den Ermittlern als Urheber der Anzeige vermutet - seinen Weg an die Öffentlichkeit findet diese Information allerdings erst vergangene Woche. Das allein reicht schon, um die FPÖ in helle Aufregung zu versetzen. Es passiert schließlich nicht alle Tage, dass ein Politiker seine eigenen Parteifreunde anonym anzeigt und ihnen den Missbrauch von Spendengeldern vorwirft. Hans-Jörg Jenewein, der sonst so unscheinbare FPÖ-Funktionär, ist plötzlich im Zentrum der Schlagzeilen. Aber nicht nur er: Schnell wird spekuliert, ob nicht eigentlich Herbert Kickl hinter dieser Intrige stecken müsse. Es sei schließlich schwer vorstellbar, dass Jenewein als seine rechte Hand so etwas unternehmen würde, ohne ihn darüber zu informieren.

Für diese Theorie spricht, dass Kickl seit geraumer Zeit einen Machtkampf mit der Wiener Landespartei ausficht. Deren Chef Dominik Nepp hatte Kickl vor allem während der Corona-Krise immer wieder für seinen radikalen Kurs kritisiert und ihm die Schuld für mehrere Parteiaustritte gegeben - seither würde ihn der FPÖ-Chef gern entmachtet sehen. Wenig überraschend vermuten nun weite Teile der Partei, dass eine Anzeige gegen die Wiener Landespartei nur im Sinne Kickls gewesen sein könnte.

Die Tageszeitung Der Standard berichtet, dass Jenewein von seinem Chef den Auftrag bekommen haben soll, die treuen Strache-Anhänger, die vor allem in der Wiener FPÖ zu finden seien, loszuwerden - die Anzeige dürfte dabei eine der gesetzten Maßnahmen gewesen sein. Der Zeitung zufolge sollte es auch eine Belohnung geben für Jenewein: endlich ein Platz in der ersten Reihe, als Nationalratsabgeordneter oder in einer höheren Position in Wien.

Der Generalsekretär spricht von einer "Rufmordkampagne"

Kickl bestreitet daraufhin alle Vorwürfe. Er habe erst seit wenigen Tagen Kenntnis von der Angelegenheit und nichts damit zu tun, erklärt er vergangene Woche. FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz spricht von einer "Rufmordkampagne", bei der es nur darum gehe, der FPÖ zu schaden. Er wies in einer Aussendung auch die in der Anzeige erhobenen Vorwürfe gegen die Wiener Landespartei zurück. Sämtliche Betroffenen hätten nichts zu verbergen und seien daher "an einer raschen Klärung durch die Ermittlungsbehörden und dem damit verbundenen Nachweis ihrer Unschuld höchst interessiert".

Am Sonntag schließlich die Nachricht vom mutmaßlichen Suizidversuch Jeneweins. Mittlerweile soll sein Zustand wieder stabil sein, seiner Schwester zufolge sei er bereits aus dem Krankenhaus entlassen worden. Auch der frühere FPÖ-Chef Strache hatte ihm via Facebook "baldige Genesung" gewünscht, dann aber noch einen Satz hinterhergeschoben: "Niemand sollte mit einem Suizid aus dem Leben scheiden und davonlaufen, sondern sich den behördlichen Anwürfen stellen und diese helfen, restlos aufzuklären!"

In der FPÖ dürfte die Causa noch lange nicht erledigt sein, parteiinternen Stimmen zufolge laufen die Landesgruppen seither Sturm gegen Kickl, der schon davor wegen seines radikalen Kurses und schlechter Umfragewerte immer wieder in der Kritik stand. Der Parteichef solle die Vorwürfe restlos aufklären, so die Forderung. Auch Rücktrittsforderungen stehen im Raum. Den für Mitte September angesetzten Parteitag, wo Kickl als FPÖ-Chef wiedergewählt werden sollte, will man verschieben.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, nur sehr zurückhaltend über Suizide oder Suizidversuche zu berichten. Der Grund ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Selbsttötungen. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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