NSU-Prozess:Stammen verdächtige TV-Aufnahmen von Zschäpe?

Zu Beginn des Prozesstages stand am Donnerstag zunächst nicht Ralf Wohlleben im Mittelpunkt, sondern Beate Zschäpe. Es ging um ein Indiz, das vor Kurzem bereits Aufsehen erregt hatte: um TV-Aufzeichnungen eines Anschlags.

Jemand muss aufmerksam vor einem Videorekorder gesessen und fleißig Sendungen des WDR und von n-tv aufgezeichnet haben, nachdem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 9. Juni 2004 in Köln eine Nagelbombe gezündet hatten. Etwa um 16 Uhr explodierte die Bombe - und bereits zwei Stunden später wurden TV-Berichte über die Tat mitgeschnitten. So schnell konnten Mundlos und Böhnhardt nicht zurück in Zwickau sein.

Hat die Hauptangeklagte Zschäpe die Aufnahmen gemacht, die in Zwickau gefunden wurden? Und war sie damit stärker in den NSU eingebunden, als sie bisher zugegeben hat? Die Ermittlungen liefern dafür Indizien, aber Zschäpes Verteidiger Mathias Grasel tritt dem Eindruck entschieden entgegen.

Es sei vorstellbar, sagt Grasel, dass Mundlos und Böhnhardt selbst die Sendungen aufgezeichnet hätten, als sie noch in Köln unterwegs waren. Eventuell könnte ihnen auch ein Unterstützer geholfen haben. Prinzipiell könne doch jeder den Mitschnitt angefertigt haben. Es sei ja nicht einmal ein VHS-Rekorder in Zwickau gefunden worden, sagt Grasel.

Der Nebenklage-Anwalt Yavuz Narin wirft Zschäpes Verteidiger daraufhin vor, die Ergebnisse der Ermittlungen nur selektiv wahrzunehmen. So seien in Zwickau beispielsweise auch VHS-Kassetten gefunden worden. Wahrscheinlich sei der analoge Recorder entsorgt worden, als man auf digitale Geräte umstellte.

Offen bleibt, wie Zschäpe vom Tod von Mundlos und Böhnhardt erfahren hat

Eine BKA-Beamtin breitet ihre Recherchen aus. Daraus ergibt sich, dass sehr wahrscheinlich in der damaligen Wohnung von Zschäpe und ihren Freunden in Zwickau die Sender n-tv und WDR über Kabel empfangen werden konnten. Insgesamt zwölf Beiträge wurden noch am Tag des Anschlags per Video aufgenommen, dabei wurde offenbar zwischen den Kanälen hin und her geschaltet. Eine Mediathek gab es im Juni 2004 noch nicht.

"Es entstand für mich der Eindruck, dass jemand vor dem Gerät gesessen haben muss und die Sender gewechselt hat", sagt die Zeugin. Letztlich könne sie allerdings nicht die Frage beantworten, wer die Aufnahme gemacht hat. Theoretisch könnten die Sendungen auch an einem anderen Ort als in Zwickau mitgeschnitten worden sein.

Weiterhin offen bleibt zudem, wie Zschäpe am 4. November 2011 vom Tod ihrer Freunde Mundlos und Böhnhardt erfahren hat. Vor Gericht ließ sie im Dezember vortragen, sie habe davon aus dem Radio erfahren. Kann das sein? Zschäpe setzte die Wohnung an diesem Tag gegen 15 Uhr in Brand, zuvor surfte sie nachweislich im Internet und suchte dort offenbar auch nach Nachrichten über den Verbleib ihrer Freunde. Doch laut Ermittlungen hatten die Medien zu dem Zeitpunkt noch gar nicht über das Wohnmobil in Eisenach berichtet, in dem sich Mundlos und Böhnhardt töteten, nachdem die Polizei den Wagen entdeckt hatte.

Wie die BKA-Beamtin erläutert, stellte ein Kriminaltechniker fest, dass Zschäpe auch über das Internet Radio gehört haben kann, und zwar den Sender MDR. Doch zunächst sei auch dort nur über den Bankraub in Eisenach berichtet worden, und erst ab 15.30 Uhr vom Wohnmobil und den dort gefundenen Leichen. Oder gab es irgendwo doch eine Sendung, in der die Toten bereits erwähnt wurden? Zschäpes Anwalt sagt: Die Angaben seiner Mandantin seien keineswegs widerlegt. Die Angeklagte beharrt auf ihrer Version.

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