NSU-Prozess Eine Aufnahme könnte die Zeugen einschüchtern, sagt die Bundesanwaltschaft

Die Bundesanwaltschaft stellt sich dagegen und hält den Zeugenschutz hoch - die Zeugen sollten ganz unbeeinflusst aussagen können, eine Aufnahme könnte sie einschüchtern oder irritieren.

Aber was, wenn der Zeuge fast jeden Gerichtssaal der Republik kennt und dort über Jahrzehnte seine Gutachten vorgetragen hat? Wenn er also kein verschüchterter Nachbar ist, der einen Mord gesehen hat, sondern ein "gestandener Mann" wie die Bundesanwaltschaft den Psychiater Henning Saß von der Universität Aachen nennt?

Die drei Alt-Verteidiger von Zschäpe, Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm, wollen die Aussage von Saß einem Gegen-Gutachter vorspielen, der im Januar verhindert ist, ins Gericht nach München zu kommen. Aber die Bundesanwaltschaft sagt: Selbst wenn Saß der Aufnahme zustimme, könne er doch eine innere "Mental-Reservation" verspüren, ein Wort, auf das Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten wohl das Copyright hat. Will heißen: Selbst wenn Saß ja sagt, meint er eigentlich nein. Und überhaupt, sagt Weingarten: Die Verteidiger könnten ja einen "berufsmäßigen Tastschreiber oder einen Stenografen" beauftragen, wenn sie die Aussage schon wörtlich haben wollen.

Auch Experten des Justizministeriums sprechen sich für mehr Aufnahmen aus

Die Verteidigung hat kurz mal vorgerechnet, was das kosten würde: 3000 bis 4000 Euro am Tag, und es würden dann auch zwei Stenografen benötigt, weil sich die beiden abwechseln müssten. Die Tonbandaufnahme dagegen sei ohne Aufwand zu haben.

Und die Verteidiger haben eine alte BGH-Entscheidung ausgegraben, die schon 1964 erklärte, dass es bei einer Tonbandaufnahme im Gericht zu keiner belästigenden Einwirkung auf Zeugen komme, da "für den modernen Menschen die Begegnung mit technischen Gerätschaften etwas Vertrautes und Gewohntes geworden" sei. Das war vor 53 Jahren.

Auch eine Expertenkommission des Bundesjustizministeriums hat sich inzwischen für mehr audiovisuelle Aufnahmen im Gericht ausgesprochen - die Wahrheitsfindung werde verbessert, Streit über Zeugenaussagen könnte schneller geschlichtet werden, heißt es dort.

Nächste Woche will das Gericht in München über die Aufzeichnung entscheiden. Sollte es den Mitschnitt ablehnen, hat die Verteidigung schon beantragt, das Gericht möge die Kosten für die Stenografen übernehmen.