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NS-Zeit:Stiller Widerstand gegen die Barbarei

YAD VASHEM FEIERSTUNDE IN GEFÄNGNISKIRCHE

Mehr als 27 000 "Gerechte unter den Völkern" zählt die Gedenkstätte Yad Vaschem - nichtjüdische Menschen, die unter Lebensgefahr Juden vor dem Tod bewahrten. Wer - oft erst posthum - ausgezeichnet wird, erhält eine Ehrenurkunde, eine eigens geprägte Medaille und darf einen Baum im "Garten der Gerechten" pflanzen.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Der französische Historiker Jacques Semelin erzählt, warum nichtjüdische Menschen Juden retteten. Er hat den meist unbekannten Helden in einer dunklen Zeit ein Denkmal gesetzt.

Rezension von Ludger Heid

Der französische Historiker und Politikwissenschaftler Jacques Semelin untersucht Formen der Hilfeleistung für die jüdischen Opfer der Verfolgung und des Holocaust. In seiner Studie "Ohne Waffen gegen Hitler" beschreibt er den tagtäglichen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, an dem Tausende, wenn nicht Zehntausende beteiligt waren.

Als ein Beispiel dafür gilt ihm der französische Ort Chambon-sur-Lignon, in dem Juden vor dem Zugriff der Nationalsozialisten gerettet wurden. In dem Dorf im Departement Haute-Loire, dem Land der Hugenotten, wo man Verfolgung aus eigener Anschauung kannte, wurden zwischen 1941 und 1944 Tausende Juden gerettet, indem man sie in Privatwohnungen und Bauernhöfen, aber auch in öffentlichen Einrichtungen versteckte, ihnen gefälschte Papiere ausstellte und über die Schweizer Grenze schleuste.

Wenn Patrouillen der Deutschen anrückten, wurden die Juden auf dem Land außerhalb des Ortes versteckt. Später gingen die Einwohner in die Wälder und sangen ein bestimmtes Lied, um den Juden anzuzeigen, dass die unmittelbare Gefahr vorüber sei. Das Rettungsunternehmen war insofern einzigartig, als sich eine ganze Gemeinde aus christlicher Nächstenliebe zusammenschloss, um Juden vor dem Tod zu bewahren.

Für Semelin war es ein logischer Schritt, über die "Monstrosität der Barbarei" zur humanitären Seite des menschlichen Verhaltens zu gelangen - der des Widerstands. Gemeint ist ein Widerstand, den Männer und Frauen mit bloßen Händen leisten, ein Widerstand, der sich in kleinen anonymen Gesten des Protestes und symbolischen Handlungen und auf die kleinstmögliche Abweichung in einer Diktatur ausdrückt - die Nonkonformität.

Fritz Stern sprach vom "aktiven Anstand"

Dazu gehören kollektive Formen des Widerstands wie Kundgebungen, Streiks, Verweigerungstaktiken, Ungehorsam und andere illegale Aktionen, die unter dem Begriff Zivilcourage zu rubrizieren sind. Für diese Art von Widerstand hat Arno Lustiger den Begriff "Rettungswiderstand" eingeführt.

Und der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern hat die stille, ja meist heimliche Form des Widerstands einmal trefflich als "aktiven Anstand" charakterisiert. Damit ist das Verhalten derjenigen beschrieben, die sich in den Jahren des Nationalsozialismus eine humane Orientierung bewahren wollten.

Widerstand gegen eine bewaffnete Macht zu leisten, heißt, anders zu kämpfen und originelle Formen der Opposition zu erfinden. Als die Vichy-Regierung im Sommer 1942 mit den Deportationen begann, protestierten Pariser gegen die Einführung des gelben Sterns mit Solidaritätsdemonstrationen, indem sie diese Maßnahme ins Lächerliche zogen: Sie schnitten sich Papiersterne zurecht, auf die sie "Neger" schrieben, oder hefteten den gelben Stern ihrem Hund an, wenn sie mit ihm spazieren gingen.

Die bemerkenswerteste Solidaritätsbewegung in der Geschichte des Holocaust war zweifellos die Rettung der Juden in Dänemark: 95 Prozent der jüdischen Gemeinde blieb von der Deportation verschont, indem sie mit Schiffen nach Schweden gebracht wurden. Der Grund: ein Land, das weitgehend frei von Antisemitismus war und über einen hohen sozialen Zusammenhalt seiner Bevölkerung verfügte. Juden waren vollständig als Mitglieder der Nation angesehen.

"Die ungeheure Macht in gewaltloser Aktion"

Die dänische Regierung vertrat gegenüber Berlin einen festen politischen Grundsatz: Partei für die Juden zu ergreifen hieß, einen Grundpfeiler der dänischen Verfassung zu verteidigen, nämlich die rechtliche Gleichstellung aller Bürger. Innerhalb nur weniger Tage war die Rettung der Juden zu einer nationalen Angelegenheit quer durch alle Schichten geworden.

Es war ein Lehrstück darüber, "welch ungeheure Macht in gewaltloser Aktion und im Widerstand gegen einen an Gewaltmitteln vielfach überlegenen Gegner liegt", so Hannah Arendt in ihrem Essay "Eichmann in Jerusalem". Das Beispiel Dänemark wurde so zum Beweis dafür, dass Solidarität auch im nationalsozialistischen Europa, in direkter Nachbarschaft zu dem zum System erhobenen Verrat, noch existieren konnte. Es beweist, dass ein kleines, unbewaffnetes Volk, dem der Antisemitismus fremd geblieben war, die Möglichkeit hatte, die teuflische Logik des Holocaust zu durchbrechen.

Jacques Semelin: Ohne Waffen gegen Hitler. Eine Studie zum zivilen Widerstand in Europa. Aus dem Französischen von Ralf Vandamme. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 281 Seiten, 34 Euro. E-Book: 26,99 Euro.

Der Holocaust stand am Ende einer Entwicklung antisemitischer Kräfte, deren tiefgreifende Wurzeln bis weit vor den Krieg zurückreichten. Sie wuchsen in dem Maße an, als das internationale Umfeld mit Blick auf die Judenverfolgung gleichgültig blieb. Auch die Alliierten, obwohl im Bilde, unternahmen nichts Wesentliches, um die Vernichtung zu verhindern. Vor dem Hintergrund des totalen Krieges stellte Auschwitz aus ihrer Sicht kein strategisch relevantes Ziel dar. Der zivile Rettungswiderstand war ungleich wirkungsvoller - als nichts zu tun. Dessen Effizienz darf man freilich nicht ausschließlich im Licht dänischer Ereignisse beurteilen.

Es waren zumeist einfache Menschen

Die selbstlosen Helfer, die "Gerechten unter den Völkern", sind Helden ihrer Zeit und das kostbarste moralische Kapital, das die europäischen Gesellschaften besitzen, weil sie die Ehre ihrer Mitbürger und der Menschheit während der barbarischsten Zeit bewahrt haben. Es waren zumeist einfache Menschen, die nie die Berühmtheit eines Oskar Schindler oder Raoul Wallenberg erreicht haben, gar nicht erreichen wollten, die allerdings über einen moralischen Kompass verfügten, der geeignet war, das ganze Universum zu retten.

Den stillen, "unbesungenen" Helden wurde höchst selten ein Denkmal gesetzt. Das hat nunmehr Jacques Semelin mit seiner Studie getan. Durch die humanitäre Dimension der Judenretter gewinnt dieses zeitgeschichtliche Verhalten an Kontur.

Ludger Heid ist Historiker. Er lebt in Duisburg.

© SZ vom 12.07.2021
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