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Nationalsozialismus:Deutsche in der NS-Zeit: Stets treu ergeben

Deutsche während der Hitler-Rede zum Kriegsausbruch 1939

Deutsche hören die Hitler-Rede zum Kriegsausbruch 1939

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Die britische Historikerin Ernestine Amy Buller erkundete in den Dreißigerjahren, warum viele Deutsche Hitler dankbar waren. Ihre Erkenntnisse liegen nun endlich auf Deutsch vor.

Im Vorwort bringt die Autorin es - vielleicht sogar unabsichtlich - auf den Punkt. Sie will herausfinden, wie sich die Deutschen nach 1933 zu "fanatischen Mitläufern" einer verbrecherischen Ideologie machen ließen.

An solchen Untersuchungen unter "normalen" Deutschen in der NS-Zeit herrscht wahrlich kein Mangel. Ist es doch auch nach Jahrzehnten der historischen Forschung noch das Hauptziel herauszufinden, wie es so weit kommen konnte.

Doch dieses Buch ist anders - die Entstehungsgeschichte, die Herangehensweise, die Präsentation der Erkenntnisse: alles anders und nicht im Geringsten dem wissenschaftlichen Anspruch genügend. Und gerade das macht dieses ungewöhnliche Werk lesenswert.

Ernestine Amy Buller (1891-1974) hat das Buch verfasst, es wurde 1943 in England veröffentlicht - 73 Jahre später ist es nun auf Deutsch erschienen.

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Die christlich geprägte Historikerin hatte es tatsächlich geschafft, in den Jahren 1934 bis 1938 auf offiziellen Reisen in Deutschland Gespräche zu führen, die nicht von der NS-Führung überwacht wurden. Logischerweise verschweigt die Autorin Namen und Orte dieser Gesprächspartner - denn viele reden erstaunlich offen über die Entwicklung nach der "Machtergreifung". Diese Nichtidentifizierbarkeit ist natürlich heute ein Manko, ebenso die Tatsache, dass viele Gespräche zwar wörtlich wiedergegeben werden, aber aus der Erinnerung montiert sind.

Auch der Eifer der Interviewerin zu erfahren, wieso die Deutschen dem teuflischen Plan Hitlers und seiner Kumpanen auf den Leim gegangen seien, nervt bisweilen, ebenso ihre (vielleicht nur zur Schau gestellte) Naivität. Gleichwohl helfen die Erkenntnisse, die Stimmung dieser Zeit besser zu verstehen.

Buller spricht mit hochgestellten Persönlichkeiten aus den NS-Ministerien, mit Offizieren, Geistlichen, Akademikern, mit Müttern und Studenten - und sie zeichnet ein Bild einer zerrissenen Generation. Einer Generation, die gelitten hat nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg, an Demütigungen durch die Siegermächte, am Bedeutungsverlust des Deutschen Reiches.

Trotz aller Skepsis loyal

Buller trifft auf Menschen, die sich danach sehnen, gebraucht zu werden, die etwas gelten wollen in der Familie, in der Stadt, im Reich. Und diese Sehnsucht erfüllt für viele Hitler mit seinem Heilsversprechen. Den "verflixten Dankbarkeitskomplex", nennt das ein weiser Professor bei Buller.

Besonders frappierend ist dabei, wie viele Menschen trotz aller Skepsis dem Führer Loyalität zusagten. In den Worten eines Offiziers: "Hitler hat die deutsche Armee zurück ins Herz der Nation geführt, und was noch viel wichtiger ist: Er hat ihr ihre Ehre zurückgegeben. Das dürfen wir nie vergessen. Sosehr wir seine Lehren überall da untergraben, wo sie unserer Jugend schaden, bleiben wir ihm stets treu ergeben." Im gleichen Atemzug nennt der den Führer einen Blender und einen Heiden.

Besonders die jungen Leute sprechen immer wieder davon, wie ihnen der NS-Staat zur Selbstachtung verhalf, einen neuen Lebenssinn verlieh. Spannend zu beobachten ist dabei der immer wieder hervortretende innere Kampf der Menschen mit den "alten" Werten und dem neuen Versprechen von der Volksgemeinschaft. Viele hofften trotz aller Skepsis mit diesen neuen Werten Erfolg zu haben. Und wenn es Krieg und eventuell sogar den Untergang bedeuten sollte. Alles für die Ehre.

Bullers Buch zeigt Menschen im inneren Konflikt, Verzweifelte, die keinen Ausweg wissen, Überzeugungstäter und verdammt viele "fanatische Mitläufer". Von wegen: nix gewusst.

Ernestine Amy Buller: Finsternis in Deutschland. Interviews einer Engländerin 1934-1938, herausgegeben von Kurt Barling. Elisabeth-Sandmann-Verlag München 2016. 350 Seiten. 24,95 Euro.

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