Niedergang des Konservatismus Schadenfreude unangebracht

Eine Geisteshaltung, die einst die Weltläufe formte, zieht sich zurück: der Konservatismus. Selbst dessen Gegner sollte das nicht freuen - machtpolitisch gesehen, sind die Folgen bedenklich.

Kommentar von Detlef Esslinger

Konservative gehen zum Debattieren in ein Wirtshaus neben dem Grab von Strauß; sie essen Milzwurst, und eines ihrer Themen währenddessen ist die Abschiebung von Asylbewerbern. Das sind erstens viel zu viele Klischees für einen einzigen Satz, und zweitens gab es diese Woche genau so ein CSU-Konservativen-Treffen, in Rott am Inn in Oberbayern.

Ist es gewissermaßen das, was übrig geblieben ist von einer Geisteshaltung, die einst die Weltläufte formte? Wer sich selbst für alles andere als konservativ hält, wer dem Konservatismus noch nie etwas abgewinnen konnte - der mag wenig Bedauern verspüren, dass dessen Anhänger mittlerweile so abgemeldet sind; dass CDU und CSU zwar noch Wert auf die Stimmen, aber nicht mehr ernsthaft Wert auf die Meinung von Konservativen legen. Eine solche Schadenfreude wäre recht dämlich.

Die Gründe für den Niedergang des Konservatismus heißen allerdings nicht Angela Merkel und Horst Seehofer. Ihre Führungsstile, die oft als moderierend respektive wetterwendisch beschrieben werden, sind weniger der Auslöser denn eine Folge dieses Niedergangs. Zuerst die ökonomische Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik und dann der Zusammenbruch von DDR und Kommunismus haben dazu geführt, dass die gesellschaftliche Mitte hierzulande immer größer geworden ist und deshalb fast alle Parteien dort ihre Wähler suchen. Indes führte dies zwangsläufig dazu, dass die Konturen der Parteien unschärfer geworden sind. Programme "hinterlassen in der tatsächlich betriebenen Politik immer weniger Spuren", wie es der Politologe Herfried Münkler formuliert hat. Den Konservatismus hat es dabei auch deshalb besonders heftig erwischt, weil er als Bollwerk nicht mehr gebraucht wurde.

Wird aus der Groko eine Migroko?

CDU und CSU stehen vor einem besonderen Problem: Wollen sie mehrheitsfähig bleiben, müssen sie Schritt halten mit diesem Lebensgefühl der Mitte, das tendenziell zugleich das Lebensgefühl der Stadt ist. Zum Wesen ihres Parteimilieus gehört jedoch die Skepsis vor allzu viel gesellschaftlichem Fortschritt. Daher kann eine CDU-Vorsitzende kaum anders, als zu moderieren statt zu dekretieren. Nur dass die verbliebenen Konservativen über der Entwicklung trotzdem verloren gegangen sind - entweder sie ziehen in den Winkel, nach Rott am Inn, oder sie gründen unter dem Titel AfD eine Alternative zu Merkel.

Schon wer es nur machtpolitisch betrachtet, kann sich auch als Nichtkonservativer darüber kaum freuen. Etabliert sich die AfD von 2017 an im Bundestag, wird dort wohl nur noch ein Bündnis aus Union und SPD eine Mehrheit finden; über kurz oder lang wäre dies keine Groko mehr, sondern bloß eine Migroko, wie in Österreich: eine mittelgroße Koalition.

Man kann die Dinge aber auch pathetischer betrachten. Als vor Kurzem Apple und Facebook bekannt gaben, Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen zu bezahlen, gab es unter anderem den Widerspruch des Weihbischofs von Augsburg, eines Mannes namens Anton Losinger. Eine Gesellschaft, die nicht alles der Ökonomie unterwerfe, sagte er, müsse Frauen die Geburt eines Kindes ermöglichen, wenn "die Natur dies auch vorgesehen hat".

Egal, ob man das auch so sieht oder nicht: Es ist konservativ im besten Sinn. Von Roland Koch, dem Konservativen im einstweiligen Ruhestand, stammt der einordnende Satz dazu: "Konservative Grundsätze sind so etwas wie die Leitplanken für die ungestümen Chancen der Freiheit." Sie werden ebenso gebraucht wie die Unbekümmertheit der Liberalen und der Gerechtigkeitsdrang der Sozialisten. Nur machen sich derzeit wenige Konservative Gedanken über Leitplanken. Asylbewerber, Schwule, Frauenquote, Ausländermaut; das sind stattdessen ihre Themen. So geraten sie in die Meckerecke der Republik.