Christchurch "Wir haben gezeigt, dass Neuseeland unzerbrechlich ist"

Beim Gedenken in Christchurch wird die Rede des Imams von langem Applaus getragen, Premierministerin Ardern erscheint im Kopftuch. Und auch die Motorradrocker trauern.

Von Roman Deininger, Christchurch

An einem normalen Freitag würde auf der riesigen Wiese im Hagley-Park jetzt Rugby gespielt, man erkennt die Kreidelinien im Gras, die das Feld markieren. Aber dies ist kein normaler Freitag in Christchurch. Genau eine Woche nach dem blutigen Anschlag auf zwei Moscheen kommen die Bürger der Stadt zu einer Gedenkzeremonie für die fünfzig Opfer zusammen. Die Menschen versammeln sich in Sichtweite der Al-Noor-Moschee, in der allein 42 Menschen von einem rechtsextremen Terroristen ermordet wurden. Der mutmaßliche Täter, 28 Jahre alt, sitzt in Untersuchungshaft.

Dieser Freitag gehört der Erinnerung an die Opfer, um 13.32 Uhr Ortszeit beginnen im Hagley Park zwei Schweigeminuten. Danach feiern etwa 5000 Muslime unter freiem Himmel ihr Freitagsgebet, die neuseeländische Herbstsonne bricht gerade rechtzeitig durch die Wolken. 15 000 Neuseeländer anderer Religionen, so die Schätzung der Behörden, sind gekommen, um ihre muslimischen Mitbürger zu unterstützen. Sie verfolgen das Geschehen von weiter hinten, der vordere Bereich der Wiese gehört allein den Betenden.

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Neuseeland trauert

"Wir sind eins"

Im ganzen Land gedenken Menschen der Opfer des Terroranschlags von Christchurch. Aus Solidarität mit den Trauernden tragen viele Frauen Kopftücher - Premierministerin Ardern findet die passenden Worte.

Die Zeremonie wird in Neuseeland von allen großen Fernsehsendern übertragen, es ist so etwas wie das Vorspiel für die zentrale nationale Gedenkfeier, die wohl Ende kommender Woche ebenfalls in Christchurch stattfinden wird. Im Fernsehen sieht man später auch, wie die Schweigeminuten das normale Leben in vielen Innenstädten Neuseelands zum Stillstand bringen, etwa in Auckland und Wellington. In Palmerston North bilden Schüler ein riesiges Herz aus Menschen, das sie von oben mit einer Drohne fotografieren.

Einige trauernde Muslime im Hagley-Park tragen traditionelles Gewand, andere das schwarze Trikot der "All Blacks", der allseits verehrten Rugby-Nationalmannschaft Neuseelands. Viele kleine Momente erzählen davon, wie das Land in der Stunde der Not zusammenrückt: Ein weißer Polizist scherzt mit muslimischen Kindern. Ein junger Mann indischer Abstammung verschenkt Wasserflaschen an alle Durstigen. Eine Familie asiatischer Herkunft legt am Absperrband, das den Park von der Straße mit der Al-Noor-Moschee trennt, mit feuchten Augen Blumen nieder.

Natürlich ist auch Jacinda Ardern nach Christchurch gereist, die Premierministerin, die in der Woche seit dem Anschlag zu einer jungen Mutter der Nation geworden ist. Mit gesenktem Blick geht sie zu ihrem Platz im Frauenbereich der Gebetswiese. Für einen ganz kurzen Moment wirkt das Ganze nicht mehr wie eine Trauerfeier, sondern wie der Auftritt eines Rockstars: Dutzende Frauen zücken ihre Handys für ein Foto von Jacinda Ardern. Ein älterer Gläubiger kann es nicht fassen und ruft: "Schwestern, wir sind zum Beten da!" Für ähnliches Aufsehen sorgt auch die Anwesenheit prominenter muslimischer Sportler, etwa des australischen Boxers Anthony Mundine und des neuseeländischen Rugby-Spielers Sonny Williams.

"Danke für Ihre Worte und für Ihre Tränen"

Ardern hat sich wieder ein schlichtes schwarzes Tuch um den Kopf geschlungen, viele Hundert andere weiße Neuseeländerinnen tun es ihr am Freitag nach - als kleine Geste der Solidarität mit ihren muslimischen Mitbürgerinnen. Das Foto einer Polizistin, die ein Kopftuch trägt, während sie am Park-Memorial-Friedhof schwer bewaffnet Wache steht, wird in den sozialen Netzwerken geteilt und gefeiert.

Dabei war die Kopftuch-Aktion im Vorfeld nicht unumstritten. In einem großen Meinungsbeitrag für die Press, die Lokalzeitung in Christchurch, hatte eine anonyme muslimische Autorin "billige Symbolpolitik" angeprangert. Das sei alles sicher gut gemeint, schrieb sie, aber das Kopftuch sei nun mal "kein Kostüm". Alle Diskussion ist dann jedoch beendet, als Imam Gamal Fouda das Gebet eröffnet und sich an die Premierministerin wendet: "Danke für Ihre Worte und für Ihre Tränen. Danke dafür, dass Sie uns mit einem einfachen Tuch die Ehre erweisen." Ardern selbst tritt nur ganz kurz ans Mikrofon, sie sagt: "Neuseeland trauert mit euch. Wir sind eins."

Gamal Fouda war am vergangenen Freitag der Gebetsführer in der Al-Noor-Moschee, er hatte etwa fünf Minuten gesprochen, als der Terrorist das Feuer eröffnete. Nun sagt Gamal Fouda: "Ich habe in der Moschee den Hass in den Augen des Terroristen gesehen. Heute sehe ich Liebe und Mitgefühl in den Augen Tausender neuseeländischer Landsleute." Die Reaktion auf den Anschlag sei ein Signal an die Welt: "Wir haben gezeigt, dass Neuseeland unzerbrechlich ist." In der Zuschauersektion brandet Applaus auf, erst noch vorsichtig, weil die Leute nicht so recht wissen, ob das erwünscht ist. Aber es ist erwünscht, und die Ansprache des Imams wird bis zum Ende von Beifall getragen.

Der Geist des Zusammenhalts kommt sogar über den "Mongrel Mob", eine berüchtigte neuseeländische Motorrad- und Straßengang mit angeblich besten Verbindungen zum organisierten Verbrechen. Großzügig tätowierte Mitglieder stehen nun im Hagley-Park Wache, um den Gläubigen ein Beten ohne Angst zu ermöglichen. Die Polizei ist zwar auch mit großem Aufgebot angerückt, aber die Gang erledigt das lieber selbst. In einem Interview hat der Mongrel-Chef vorher angekündigt, dass sich die Mitglieder künftig auch nicht mehr mit "Sieg Heil" grüßen wollen, was offenbar fünfzig Jahre lang üblich war. Es sind kuriose Szenen, die sich da abspielen im Hagley-Park: Trauernde Muslime im Gebetsgewand umarmen frisch geläuterte Rocker in Lederkluft.

Die Veranstaltung ist aus, über Lautsprecher wird den Gläubigen mitgeteilt, wo sie die Shuttle-Busse finden. Die Busse werden die Menschen zum Park-Memorial-Friedhof bringen, ein paar Kilometer außerhalb des Zentrums. Dort sollen am Freitag mehr als zwanzig Opfer des Anschlags beigesetzt werden.

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