Nato-Großmanöver "Es braucht diese Übungen unbedingt"

Die 24th Marine Expeditionary Unit der US-Marineinfanterie (Marine Corps) befindet sich in Island auf dem Weg zu einem Feldlager für das Großmanöver "Trident Juncture", das in Norwegen stattfinden wird.

(Foto: Lance Cpl. Menelik Collins/dpa)

50 000 Soldaten nehmen am Nato-Manöver "Trident Juncture" in Norwegen teil. Sicherheitsexperte Derek Chollet erklärt, warum das mit Blick auf Russland dringend nötig ist und das Militärbündnis auch Trump verkraftet.

Interview von Matthias Kolb, Brüssel

So ein riesiges Nato-Manöver hat es seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr gegeben: Mit einem Flugzeugträger, 65 Schiffen, 250 Flugzeugen, 10 000 Militärfahrzeugen und 50 000 Soldaten aus allen 29 Mitgliedstaaten sowie aus Finnland und Schweden trainiert die westliche Militärallianz in Zentralnorwegen den Ernstfall, nämlich den Angriff auf einen Bündnispartner. In Zeiten russischer Aggression und nach der illegalen Eroberung der ukrainischen Halbinsel Krim müsse die Nato ihre Fähigkeiten verbessern und beweisen, sagt Derek Chollet. Er war unter US-Präsident Barack Obama im Pentagon für die Nato zuständig und ist nun Vizechef des Thinktanks "German Marshall Fund of the United States". Die Bundeswehr beteiligt sich mit knapp 10 000 Soldaten.

SZ: Heute beginnt die Nato in Norwegen ihr Großmanöver "Trident Juncture 2018". Warum sind solche Übungen nötig und was lernt man daraus?

Derek Chollet: Jede Armee muss üben. Die Nato muss als Verteidigungsallianz sicherstellen, dass die Armeen ihrer 29 Mitgliedstaaten im Ernstfall effektiv zusammenarbeiten können. Solche Manöver dienen auch dazu, Schwachstellen bei der Planung oder Logistik zu identifizieren. Gleichzeitig wird die Nato genau auf Russlands Reaktion achten.

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In Norwegen wird ein Artikel-5-Szenario geprobt, also ein Angriff auf ein Nato-Mitglied, der als Angriff auf das ganze Bündnis angesehen wird. Das muss Moskau doch auf sich beziehen.

Natürlich, aber die Nato-Manöver sind anders als jene der Russen. Deren Übungen sind nicht defensiver Natur, sondern sie proben die Reaktion auf eine Krise im Baltikum oder Ähnliches. Ich bin mir sicher, dass Moskau versuchen wird, durch eine Verlagerung seines Militärs das Nato-Manöver zu stören. Sie werden in ihrer Propaganda die Nato als imperialistische Bedrohung darstellen. Das ist die Reaktion auf eine andere Funktion des Manövers: So wird ein klares Signal an Russland und jeden anderen Akteur gesendet, dass die Nato sich selbst verteidigen kann und auf eine Attacke auf eines ihrer Mitglieder reagieren wird.

Derek Chollet: "Die Nato-Manöver sind anders als jene der Russen."

(Foto: German Marshall Fund of the United States)

Gerade die Polen und Balten sind sehr besorgt über die Politik des Kremls. Ist die Bedrohung durch Russland wirklich so groß?

Alle in der Allianz machen sich große Sorgen über Russlands Verhalten und je näher russische Truppen zur jeweiligen Landesgrenze stehen, desto akuter fühlt sich die Bedrohung an. Die USA waren wie die Europäer völlig überrascht, als die Russen 2014 in die Ukraine eingefallen sind und völkerrechtswidrig die Krim annektiert haben. Seither werden Risiken anders beurteilt und Fähigkeiten ausgebaut. Zudem hat die Nato ihr Abschreckungspotenzial im Osten deutlich verstärkt. Im Bündnis wissen wir, dass Russland bewusst Falschinformationen verbreitet, Zwietracht unter den Verbündeten säen will oder versuchen könnte, eine innenpolitische Krise als Vorwand für einen Einmarsch zu nutzen. Dass an der Übung ein US-Flugzeugträger teilnimmt, ist ein wichtiges Zeichen - vor allem in einer Zeit, wo aus Washington von der höchsten Ebene Zweifel geäußert werden, welchen Wert die Nato noch hat.

Donald Trump hat im Juli beim Nato-Gipfel damit gedroht, dass die USA die Nato verlassen könnten. Zeigt Trident Juncture nun, dass alles wieder gut ist?

Was der US-Präsident über die Nato sagt, ist immer wichtig, denn in einem Artikel-5-Fall entscheidet er, wie sich die USA verhalten. Wenn ich Trumps Rhetorik ignoriere und auf die Arbeitsebene schaue, sehe ich seit 2014 viel mehr Kontinuität als klare Brüche. Ich weiß, dass Trumps Äußerungen unseren Alliierten und auch vielen hier in Washington Sorgen bereiten, aber wichtig ist auch: Die Nato ist populär in den USA. Die Unterstützung war immer hoch und das hat sich auch nicht dadurch geändert, dass Trump seinen Frust über die geringen Militärausgaben der Partner laut äußert. Er kennt eben keine Verbündeten, sondern entscheidet von Fall zu Fall, welches Land ihm nützlich sein kann.

An Trident Juncture nehmen 50 000 Soldaten teil, gemäß den OSZE-Regeln müssen also Beobachter dabei sein. Zwei Russen werden nach Norwegen reisen. Ist diese Transparenz nicht naiv, wenn Moskau so etwas im umgekehrten Fall nicht zulässt?

Auch wenn Russland die Regeln nie einhält, werden wir uns weiter als verantwortungsvoller Partner verhalten und den Zugang geben, der vorgeschrieben ist.

Die Manöver von Nato auf der einen und von Russland auf der anderen Seite werden immer größer. Die Rhetorik nimmt an Schärfe zu. Steigt die Gefahr eines militärischen Zwischenfalls?

Wenn man möchte, dass die Nato ihre Aufgabe erfüllen kann, braucht es diese Übungen unbedingt. Ohne Training wird niemand Fußball-Weltmeister, also müssen Sie trainieren. Wir sind so transparent, damit die Gegenseite erkennt, dass es nur eine Übung ist. Wenn die Russen ohne Vorankündigung Manöver durchführen, dann trägt das oft zur Destabilisierung bei. Alle fragen sich: "Ist das eine Übung oder wird es ernst?" Beim Georgienkrieg 2008 fand ein Manöver direkt vor dem Einmarsch statt.

Präsident Trump und sein Sicherheitsberater John Bolton wollen den INF-Vertrag über Mittelstreckenraketen aufkündigen. Ist der Schritt nachvollziehbar für Sie?

Man fragt sich, welche Logik dahintersteckt, denn so wird weder die europäische Sicherheitslage verbessert noch Moskau wirksamer abgeschreckt. Es sieht aus wie eine ideologische Entscheidung. Natürlich könnte es strategische Überlegungen geben, etwa dass Russland seit Jahren betrogen hat - worüber es keinen Zweifel gibt - oder dass Washington stärker auf Chinas Mittelstreckenraketen reagieren will. Auf alle Fälle müsste man mit den Alliierten in Europa reden, weil sie am stärksten betroffen sind, und gemeinsam an einer Reform arbeiten. Für Europa zeigt dies erneut, was "America first" heißt: Die Interessen der anderen sind Trump egal.

Trump verlangt von Deutschland, sich stärker bei der Nato einzubringen. Was denken Sie über die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik?

Wie viele andere wünsche ich mir, dass Deutschland mehr Verantwortung übernimmt. Zugleich bin ich überzeugt, dass sich Deutschland sehr bewegt hat und dafür bekommt das Land nicht genug Anerkennung. Es ist erst gut 20 Jahre her, dass Deutschland seine Armee erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg außerhalb der Landesgrenzen eingesetzt hat, damals auf dem Balkan. Wenn mir vor 15 Jahren jemand gesagt hätte, dass 2019 noch Bundeswehrsoldaten in Afghanistan stationiert sind, dann wäre ich sehr überrascht gewesen. Ich bin überzeugt, dass die deutschen Spitzenpolitiker auch mehr tun wollen. Das Bekenntnis, das Militärbudget schrittweise zu erhöhen und die Ausrüstung zu modernisieren, geht in die richtige Richtung und ist auch sehr wichtig für die transatlantischen Beziehungen.

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