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USA im Nahen Osten:Hegemon ohne Plan

Rauchschwaden über Tikrit: Seite an Seite mit Iran helfen die USA den Irakern mit Luftschlägen gegen die Terrormiliz IS. Andererseits unterstützen die Amerikaner auch Irans Erzfeind Saudi-Arabien.

(Foto: AFP)

Barack Obama hat sich nie besonders für den Nahen Osten interessiert. Das rächt sich. Die einstige Ordnungsmacht USA hat eine Lücke hinterlassen, in die gefährliche Kräfte stoßen. Jetzt muss sich der Präsident entscheiden.

Krisen und Kriege hat der Nahe Osten reichlich hervorgebracht, und immer waren in den vergangenen vierzig, fünfzig Jahren die USA mittendrin. Doch wohl noch nie zuvor hatte es ein amerikanischer Präsident mit einem solchen Chaos in der Region zu tun wie nun Barack Obama. Und selten zuvor schien ein Präsident weniger zu wissen, was er eigentlich erreichen will und was er tun soll. Obama hat dem Nahen Osten stets kaum mehr als kursorisches Interesse entgegengebracht. Das war einer der Gründe, warum das Kriegsfeuer sich dort in den vergangenen Jahren von Land zu Land fressen konnten. Und es ist heute einer der Gründe, warum die Brände so schwierig zu löschen sind.

Vielleicht stand am Anfang ein Denkfehler: Obamas Vorstellung, Amerika könne seine in Jahrzehnten gewachsene Rolle als Ordnungsmacht im Nahen Osten und die damit verbundenen Lasten einfach abwerfen. Dieser Idee lag zwar eine nachvollziehbare Diagnose zugrunde: Amerika hatte den Nahen Osten satt, der Nahe Osten hatte Amerika satt, und die Zukunft wartete am Pazifik. Aber der Rückzug des Hegemons hinterließ eine Lücke, in die hungrige Regionalmächte stießen, allen voran Saudi-Arabien und Iran.

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Alte Allianzen, Eckpfeiler der bisherigen Ordnung, gerieten ins Wanken. Israel und Saudi-Arabien fühlten sich plötzlich von Amerika über-, gar hintergangen. Obamas Schwanken und Zaudern, das Hin und Her zwischen drohen, zurückzucken und intervenieren - immer verstärkt durch den Widerwillen, sich überhaupt mit der Region abzugeben -, haben die Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der USA schwer beschädigt.

Raushalten oder einmischen?

Die Folge ist ein Desaster - strategisch, politisch und militärisch. Im Irak, den die Amerikaner Ende 2011 verlassen haben, kämpfen die USA heute wieder, diesmal an der Seite Irans gegen die Terrormiliz Islamischer Staat. Die wiederum wurde zu Beginn von amerikanischen Freunden am Golf aufgepäppelt. In den Kriegen in Syrien und Jemen unterstützt Amerika hingegen Teherans Feinde. In der Schweiz verhandelt der amerikanische Außenminister mit seinem iranischen Kollegen über ein Atomabkommen, das den US-Verbündeten in Riad und Jerusalem den Angstschweiß auf die Stirn steigen lässt.

Um in all dem eine Strategie zu erkennen, nicht nur planloses, hektisches, von den Ereignissen getriebenes Gefriemel, braucht man schon sehr gute Augen. Auch in Washington scheint niemand so richtig zu wissen, welchen nationalen Interessen Obamas Politik derzeit nützt. Amerikanischen jedenfalls nicht.

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Natürlich kann Obama die Kriege von Syrien bis Libyen nicht einfach ausknipsen. Doch wenn die Analyse stimmt, dass derzeit in der arabischen Welt ein großer, blutiger Machtkampf zwischen Saudi-Arabien und Iran tobt, der diese kleineren, oft religiös verbrämten Bürgerkriege immer weiter anfacht, dann ist es zwecklos, jeden Brandherd einzeln zu bekämpfen. Dann muss sich Amerika entscheiden: ob es sich raushält oder einmischt; ob es die Machtambitionen der Saudis befördert oder die der Iraner (beide sind keine Partner, auf die man stolz sein sollte); oder ob es die Region einfach den ineinander verbissenen Arabern und Persern überlässt. Not our problem.

Dann gnade Gott dem Nahen Osten.