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Münchner Neueste Nachrichten vom 29. Juli 1914:Fatale Fehleinschätzung des Kaiser-Bruders

Erster Weltkrieg Wie Deutschland 1914 den Krieg plante Bilder

Ausbruch des Ersten Weltkriegs

Wie Deutschland 1914 den Krieg plante

Kaiser Wilhelm II. und sein Umfeld ersehnten sich einen Krieg gegen Frankreich und Russland. Im Sommer 1914 taten diese Männer alles, um den Frieden zu sabotieren. Die These von der "Unschuld" Berlins kann nur vertreten werden, wenn man die Ergebnisse penibler Archivforschung ignoriert.   Gastbeitrag von John C. G. Röhl

Ende Juli ist der Krieg noch ein lokaler - doch die Münchner Neuesten Nachrichten sprechen die Gefahr offen an, dass sich der Konflikt auf die Großmächte ausweitet. Österreich-Ungarn "kümmert sich um keinen Interventionsversuch" auf diplomatischer Ebene, heißt es im Leitartikel der Morgenausgabe. Gleichzeitig werden die Vermittlungsversuche des britischen Außenministers Grey gewürdigt, auch von offizieller Seite. Doch die mächtigen Männer des Reichs haben wenig Interesse an einer friedlichen Beilegung der Krise.

Hinter den Kulissen hat die Reichsführung längst die Ausweitung des Krieges geplant. Die Männer um den Kaiser fühlen sich eingekreist von Frankreich und Russland (hier mehr dazu) - ein schneller Krieg soll die Stellung des Reiches ein für alle Mal von seinen beiden großen Rivalen befreien und zum Hegemon auf dem Kontinent machen.

Kriegsausbruch 1914

Mit Hurra ins große Gemetzel

Zwei Dinge sind der Reichsführung wichtig:

  • Dass Deutschland als angegriffenes Land dasteht. Obwohl einige Militärs drängen, den Kriegszustand auszurufen oder wenigstens zu mobilisieren, bremst Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Sein Kalkül: Russland soll zuerst Österreich angreifen - dann habe es "die Schuld für den großen Kladderadatsch".
  • Dass Großbritannien neutral bleibt. Prinz Heinrich, Kaiser Wilhelms Bruder, ist dazu in diskreter Mission nach London gereist und hat bei seinem Onkel, dem britischen König George V., vorgefühlt. Doch offenkundig kam es zu einem Missverständnis, denn Heinrich meldet an jenem 29. Juli: King George habe ihm versichert, London werde "alles versuchen, was wir können, um uns rauszuhalten, und wir werden neutral bleiben". Sein kaiserlicher Bruder Wilhelm II. frohlockt darauf: "Ich habe das Wort eines Königs, das genügt mir." Am Vortag schien Wilhelm noch den Krieg abblasen zu wollen und hatte in einem Brief an die österreichische Führung vorgeschlagen, den Feldzug gegen Serbien zu stoppen (hier mehr dazu).
Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg in bewegten Bildern

Interaktive Grafik

Der Erste Weltkrieg in bewegten Bildern

So brannte die Welt vor 100 Jahren: Zu seltenen Filmaufnahmen schildern Historiker die Ursachen des Ersten Weltkrieges, das Grauen der Fronten und seine Auswirkungen.   Eine Kooperation von Guardian und SZ.de.

Von diesen deutschen Überlegungen steht damals nichts in der Zeitung, dafür andere, längst vergessene Nachrichten. Aus Paris wird das Ende des Mordprozesses gegen Henriette Caillaux verkündet. Die Sozialistin und zweite Gattin von Ex-Premierminister Joseph Caillaux hatte den Chefredakteur der Zeitung Le Figaro umgebracht, weil dieser aus intimen Briefen zitieren wollte ( hier mehr dazu). Nun wurde sie freigesprochen - ihre Anhänger hätten sie aus dem Gericht "jubelnd hinausgeleitet".

Außerdem meldet die Zeitung, dass der Münchner Personen-Verkehr ausgebaut wird. Der Magistrat der Stadt beschloss demnach, die Straßenbahn zu erweitern. Und zwar von Sendling zum Nymphenburger Schloss und dann weiter zum Botanischen Garten. Eine Entscheidung, die auch nach 100 Jahren Bestand hat. Denn auf dieser Strecke rollt die Tram auch heute noch.

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