Deutschland:Tausende Migranten kommen auf eigene Faust

Sie kamen auf offiziellem Weg: Migranten steigen aus einem Flugzeug am Flughafen Hannover.

Sie kamen auf offiziellem Weg: Migranten steigen aus einem Flugzeug am Flughafen Hannover.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Nach dem Brand in Moria nahm Deutschland 2812 Menschen aus Griechenland auf - offiziell. Tatsächlich machten sich viel mehr auf den Weg. Doch eine Perspektive haben diese Flüchtlinge nicht.

Von Nina von Hardenberg

Die Letzten landeten fast ein Jahr nach dem Brand. Zehn Nachzügler, vorher zu krank zum Reisen, stiegen am vergangenen Freitag in Berlin, Düsseldorf oder Frankfurt aus dem Flugzeug. Damit hat Deutschland nach dem Feuer im griechischen Flüchtlingslager Moria laut Bundesinnenministerium genau 2812 Menschen aufgenommen - darunter unbegleitete Minderjährige, kranke Kinder mit ihren Familien und viele anerkannt Schutzberechtigte. Im Ministerium ist man stolz: Deutschland habe mehr Menschen zu sich geholt als alle anderen aufnahmebereiten Staaten zusammen, schreibt eine Sprecherin. Was sie nicht schreibt: Das war nur der offizielle Teil.

Denn weitere Tausende anerkannte Flüchtlinge sind längst auf eigene Faust aus Griechenland nach Deutschland gereist. Die entscheidende Zahl liefert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf): Etwa 27 500 Asylanträge von Flüchtlingen, die möglicherweise bereits in Griechenland anerkannt wurden, waren dort Ende August anhängig. Und es werden immer mehr.

Aus Griechenland einreisende Flüchtlinge könnten sich zum drängendsten Problem der Asylpolitik entwickeln, vermuten Fachleute. Sie kommen, weil sie in Griechenland keine Unterstützung erhalten, oft auf der Straße leben. Anders als die offiziell aus Moria Geretteten haben sie aber auch in Deutschland keine Perspektive. "Sie hängen in den Ankerzentren fest, ohne dass ihre Fälle überhaupt behandelt werden", sagt Günter Burkhardt von Pro Asyl. Man habe diese Anträge "rückpriorisiert", bestätigt das Bamf. Das heißt: Sie werden seit Dezember 2019 nicht bearbeitet.

In einem EU-Staat anerkannte Flüchtlinge dürfen zwar in der EU wie Touristen reisen, sich aber in den ersten Jahren nicht anderswo niederlassen. Nach Griechenland aber darf Deutschland sie trotzdem nicht zurückschicken, haben mehrere Oberverwaltungsgerichte entschieden. Es bestehe ernsthafte Gefahr, dass sie dort ihre elementarsten Bedürfnisse ("Bett, Brot, Seife") nicht befriedigen können, heißt es in der Urteilsbegründung des OVG Nordrhein-Westfalen. "Die Menschen sind im administrativen Niemandsland zwischengeparkt", kritisiert Pro-Asyl-Geschäftsführer Burkhardt. Er fordert, dass EU-Staaten ihre Asylentscheidungen wechselseitig anerkennen, sodass Flüchtlinge dorthin ziehen können, wo sie Arbeit finden. Da das aber nicht in Sicht ist, müsste das Bamf über ihre Fälle entscheiden.

Die Bundesregierung will unterdessen den Flüchtlingen in Griechenland bei Unterkunft und Verpflegung helfen. Ein müder Versuch, finden Grüne und Linke. Das Hotspot-System an den EU-Außengrenzen sei gescheitert, nicht erst seit Moria, sagt die Sprecherin für Flüchtlingspolitik der Grünen, Luise Amtsberg. "Es braucht dringend eine solidarische Verteilung aller ankommenden Schutzsuchenden auf aufnahmebereite EU-Mitgliedstaaten." Deutschland selbst könnte weit mehr Flüchtlingen helfen, sagt Ulla Jelpke von der Linken und verweist auf die "vielen konkreten Aufnahmeangebote von Städten und Kommunen", die aber ohne Zustimmung des Bundes nicht helfen dürfen. Die Linken wollen das ändern.

© SZ/chrk
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