Flüchtlinge in Griechenland:Gefangen im Dauerprovisorium

Lesezeit: 4 min

Im September 2020 brennt das Flüchtlingslager Moria nieder. Menschen retten ihr Leben und ihre wenigen Habseligkeiten.

Im September 2020 brennt das Flüchtlingslager Moria nieder. Menschen retten ihr Leben und ihre wenigen Habseligkeiten.

(Foto: Angelos Tzortzinis/AFP)

Ein Jahr nachdem ein Feuer das Flüchtlingslager Moria zerstört hat, leben noch immer etwa 3500 Menschen in einem Übergangscamp auf Lesbos. Die Zustände sollen wohl auch weitere Migranten abschrecken.

Von Tobias Zick

Es ist still geworden auf Lesbos, ein Jahr nach dem großen Feuer. Nur noch etwa 3500 Menschen halten sich derzeit in dem Flüchtlingslager von Mavrovouni auf, das die Behörden eilig hochgezogen haben, nachdem in der Nacht zum 9. September des vergangenen Jahres die dystopische Landschaft aus Zelten und Containern des alten, erbarmungslos überfüllten Camps von Moria fast restlos in Flammen aufgegangen war.

Etwa 12 000 Menschen waren nach dem Feuer plötzlich ohne jedes Obdach, flüchteten sich in Olivenhaine oder campierten unter improvisierten Sonnenschutzdächern aus Ästen und Tüchern entlang der Straße in Richtung der Inselhauptstadt Mytilini. Eilig zogen die Behörden auf einem alten Schießübungsplatz der Armee ein Ausweichlager aus Zelten hoch, viele der Gestrandeten wurden von den Sicherheitskräften gegen ihren Willen dort hinein verfrachtet, sie fürchteten, in der neuen "geschlossenen und sicheren Struktur", wie sie die Regierung angekündigt hatte, de facto eingesperrt zu sein.

Ein Provisorium sollte es sein, dieses in der Not errichtete Lager, und als solches steht es nun, nach knapp einem Jahr, noch immer auf dem Areal direkt am Meer; Wind, Sonne und Feuchtigkeit ausgesetzt. "Moria als physisches Konstrukt existiert nicht mehr", sagt Konstantinos Psykakos, Griechenland-Koordinator von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) im Telefonat mit der SZ, "aber als Konzept lebt es hier fort. Heute wie damals geht es darum, Menschen zu isolieren und abzusondern."

Die Mitarbeiter der Hilfsorganisation kümmern sich etwa um Geflüchtete mit psychischen Problemen - deren Anteil ist nach wie vor sehr hoch. "Viele Menschen hier, auch Kinder und Jugendliche, sind traumatisiert, leiden unter Ängsten, posttraumatischen Belastungsstörungen, Selbstmordgedanken", sagt Psykakos. "Und es ist sehr schwer, ihnen unter diesen Bedingungen zu helfen. Ein erster Schritt in der Therapie sollte eigentlich darin bestehen, die Menschen außer Reichweite ihrer größten Stressfaktoren zu bringen. Hier ist das Lager selbst ein solcher Stressfaktor. Es ist für viele nur der jüngste Schritt auf ihrer langen, harten Reise."

Es gilt noch immer das Prinzip Abschreckung

Es ist schwer, sich des Eindrucks zu verwehren, dass die Behörden im Einklang mit der EU weiterhin auf das Prinzip Abschreckung setzen: Je schlechter die Bedingungen im Ankunftsland, so das bekannte Kalkül, umso weniger Anreize verspüren Menschen aus armen oder kriegsgeplagten Ländern, sich auf den Weg in Richtung Europa zu begeben.

Im Winter hatte es nach schweren Regenfällen Überschwemmungen im Lager Mavrovouni gegeben; schon vorher war bekannt gewesen, dass es auf dem Areal Probleme mit der Entwässerung gab. Während der Hitzewelle im Sommer fehlte es an Schatten. Inzwischen gibt es immerhin mehr Duschen, zusätzliche Entwässerungsgräben und neben den Zelten auch einige feste Behausungen in Form von Containern. Dennoch fürchten viele Helfer, dass auch der kommende Winter wieder sehr hart für die Menschen in Mavrovouni wird. "Die Behörden arbeiten durchaus daran, die Bedingungen zu verbessern, aber es könnte alles deutlich schneller vorangehen", sagt Stella Nanou, Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) in Griechenland: "Man kann ja verstehen, dass Menschen unmittelbar nach einem Großbrand in Zelten untergebracht werden. Aber nicht ein Jahr danach."

Gerade die derzeitige Lage, in der relativ wenige Leute im Lager seien, biete doch die Möglichkeit, die Arbeiten zu beschleunigen, sagt Stella Nanou. Viele der Menschen, die noch vor einem Jahr auf Lesbos festsaßen, konnten inzwischen mit einem Asylstatus aufs griechische Festland weiterreisen - wo sie allerdings vor neuen Problemen stehen, sie sind dann nämlich finanziell auf sich allein gestellt. Andere wurden von EU-Partnerländern wie Deutschland aufgenommen. Und es sind dieses Jahr insgesamt sehr viel weniger Menschen neu auf den griechischen Inseln angekommen als zuvor: Vom 1. Januar bis 1. September 2021 hat das UNHCR etwa 5300 Ankünfte registriert, 57 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, und da waren es schon deutlich weniger als 2019.

Der Rückgang habe mehrere Gründe, sagt Stella Nanou: Zum einen hänge das wohl mit den pandemiebedingten Bewegungseinschränkungen in der Türkei zusammen, zum anderen aber auch mit der immer rigoroseren Grenzsicherungspolitik Griechenlands. "Wir erhalten nach wie vor immer wieder Berichte über irreguläre Zurückschiebungen über die türkische Grenze", sagt Stella Nanou, "und wir leiten diese Berichte jedes Mal zur Prüfung an die griechischen Behörden weiter." Die Regierung in Athen weist Vorwürfe illegaler Pushbacks immer wieder kategorisch als "haltlos" zurück; man halte sich an internationales Recht, und auch nach Prüfung solcher Berichte durch EU-Behörden hätten sich bislang keine Belege für Verstöße ergeben. Migrationsminister Notis Mitarakis sagt aber auch: Griechenland habe das Recht, seine Grenzen zu schützen, und werde das auch weiterhin tun: Man wolle nicht das "Einfallstor nach Europa für Schleppernetzwerke" sein.

Auf Samos ist eine neue Sammelunterkunft entstanden

Ende März war die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson nach Lesbos und Samos gekommen und hatte zugesagt, Brüssel werde für den Bau von insgesamt fünf neuen Flüchtlingscamps auf verschiedenen griechischen Inseln insgesamt etwa 276 Millionen Euro bereitstellen. Das geplante neue Lager auf Lesbos sollte der Regierung zufolge im Laufe dieses Winters bezugsfertig sein - das aber erscheint inzwischen aussichtslos: Die Bauarbeiten haben noch nicht einmal begonnen, anders als auf Samos, wo ein neues "geschlossenes, kontrolliertes" Zentrum am 18. September eingeweiht werden soll.

Die bestehenden Lager auf den Inseln sollen gleichzeitig mit der Eröffnung der jeweiligen neuen Camps geschlossen werden - ein Zugeständnis auch an die einheimische Bevölkerung: Auf mehreren Inseln hatte es mitunter gewaltsame Proteste gegen die Pläne für die neuen Lager gegeben. Das auf Lesbos etwa soll nun fernab von Städten und Dörfern im Inselinneren entstehen. Aus Sicht von MSF-Koordinator Konstantinos Psykakos ist das ein weiterer Schritt innerhalb der Politik von "Isolation und Absonderung" der Geflüchteten.

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