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Aufarbeitung von Missbrauch:"Uns muss niemand antreiben"

Evangelisches Tauffest an der Elbe

Kirsten Fehrs, 58, ist evangelische Bischöfin für Hamburg und Lübeck und Sprecherin des EKD-Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt.

(Foto: Markus Scholz/picture alliance/dpa)

Die evangelische Kirche steht in der Kritik, sexuelle Gewalt an Kindern zu langsam aufzuarbeiten. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs erklärt, wieso es bislang nicht schneller ging - und wie es nun weitergeht.

Interview von Annette Zoch

SZ: Frau Bischöfin Fehrs, jüngst gab es mehr und mehr Kritik, dass die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche zu schleppend läuft. Hinken Sie der katholischen Kirche hinterher?

Kirsten Fehrs: Wir hinken nicht hinterher, wir haben schlicht einen anderen Ansatz: Aufgrund unserer dezentralen Struktur wollten wir zuerst alle unsere Maßnahmen standardisieren, damit es eine Verbindlichkeit gibt - und nicht jede Landeskirche einen eigenen Weg einschlagen muss.

So haben wir erst mal einen Schwerpunkt auf die sogenannte Gewaltschutzrichtlinie gelegt. Mit ihr wird verbindlich geregelt, dass Schutzkonzepte in Gemeinden entwickelt werden, es unabhängige Kommissionen zur individuellen Aufarbeitung gibt, neben den bestehenden Präventions- auch Meldestellen eingerichtet werden et cetera. Mit all dem wollen wir in den Landeskirchen Qualitätsstandards im Kampf gegen sexualisierte Gewalt sichern. Im Ergebnis ist vor allem wichtig, dass konsequent die Betroffenen im Blick sind.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Warum sieht die Gewaltschutzrichtlinie dann keine verbindliche Beteiligung der Betroffenen vor?

Uns ging es zunächst darum, welche Infrastruktur jede Landeskirche zur Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt braucht. Dabei, wie auch bei anderen Maßnahmen des Elf-Punkte-Plans, den die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beschlossen hat, waren Betroffene in die Entwicklung selbstverständlich einbezogen.

Weiterhin wird seit 2018 eine wissenschaftliche Studie vorbereitet, die im Oktober starten kann und für die die EKD und die Landeskirchen gemeinsam 3,6 Millionen Euro ausgeben. Dabei ist die Partizipation Betroffener essenziell und von Beginn an mit angelegt. Und aktuell ist uns der Betroffenenbeirat sehr wichtig. Seine Einsetzung wurde durch Corona verzögert, doch nun ist vereinbart, dass er sich noch im Sommer konstituieren wird.

Wie ist der Stand bei den Aufarbeitungskommissionen?

Die soll es zusätzlich geben, als eine Art Beschwerde- oder Anlaufstelle. Dort können Betroffene unter anderem vorbringen, was in ihren Verfahren nicht korrekt gelaufen ist. Diese Kommissionen sind sehr vernünftig, und wir verfassen gerade mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs eine gemeinsame Erklärung dazu.

Sicher wird nicht jede der 20 zum Teil sehr kleinen Landeskirchen eine eigene Kommission bilden können. Also schauen wir jetzt, was angesichts der schon bestehenden unabhängigen Kommissionen und der Präventions- und Interventionsstellen sinnvoll ist. Wir müssen vermeiden, dass für betroffene Menschen komplett undurchschaubar wird, wer in der EKD für was zuständig ist.

Auf die Aufarbeitungskommissionen musste der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig aber schon ein bisschen pochen, oder?

Uns muss niemand antreiben. Wir sind mit dem Beauftragten seit 2010 im Austausch und haben bereits Vereinbarungen getroffen. Zu den Aufarbeitungskommissionen sind wir mit Herrn Rörig seit Dezember 2018 in kontinuierlichen Gesprächen. Bei jedem haben wir signalisiert, dass wir sein Anliegen verstehen, von unserer Seite her aber erst einmal die Sicherung von Qualitätsstandards weitertreiben müssen. Es war für mich sehr irritierend zu lesen, dass das offenkundig für Herrn Rörig nicht hinreichend war; zumal wir von der Sache her ja nah beieinander sind.

Warum gehen Sie die wissenschaftliche Aufarbeitung jetzt erst an? Die Studie der katholischen Kirche liegt bereits seit 2018 vor.

Der Schock, den wir wie die katholische Kirche 2010 erlebt haben, hat bei uns zuallererst bewirkt, dass wir viel sensibler als zuvor die Prävention intensiviert haben. Zu einer verinnerlichten Kultur der Achtsamkeit gelangt man nur, wenn in der Kinder- und Jugendarbeit, in Seelsorgesituationen und Beratungsstellen alles getan wird, um sexualisierte Gewalt zu verhindern.

Dazu gehört, dass es Schutzkonzepte und Fortbildungen gibt und Risikofaktoren identifiziert werden. 2018 haben wir dann EKD-weit den Impuls aufgenommen, Aufarbeitung zu standardisieren. Auch dazu erhoffen wir uns von der Studie weiterführende Erkenntnisse.

Vorbeugen ist wichtig, aber erlittenes Leid aufzuarbeiten auch.

Es wird häufig übersehen, dass es parallel auch die Aufarbeitung individueller Schicksale gegeben hat. Die Betroffenen waren damit nicht immer zufrieden, und ich will überhaupt nicht beschönigen, dass manche in der Vergangenheit unsensibel behandelt wurden. Es hat mich erschreckt, was Betroffene in Landeskirchenämtern oder im direkten Kontakt mit ihren Gemeinden an Verletzungen erfahren haben. Auch das war ein Motiv, mich seit 2012 für unabhängige Kommissionen einzusetzen.

Lässt man sich im direkten Gespräch mit Betroffenen auch emotional ein - ehrlich, dann vergeht einem jede Floskel. Einige Menschen machen lebenslange Leiderfahrungen. Und wir als Institution haben sie nicht geschützt. Diese tiefe Schuld empfinde ich genau. Deshalb: Wir müssen uns auseinandersetzen - und werden nicht aufhören damit.

© SZ vom 28.07.2020
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