Missbrauch in katholischer Kirche "Wir dürfen das Leid nicht ignorieren"

Mit einem Bericht will die Bischofskonferenz die Fälle sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche aufarbeiten. Der Missbrauchsbeauftragte der Regierung findet: Das reicht nicht.

Interview von Matthias Drobinski

Für Johannes-Wilhelm Rörig, den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, bedeutet der Forschungsbericht der Bischofskonferenz "eine Zäsur".

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Am Dienstag stellt die katholische Bischofskonferenz ihren Forschungsbericht über die sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Diakone vor. Wie schätzt Johannes-Wilhelm Rörig, 58, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, den Bericht ein?

SZ: Herr Rörig, überraschen Sie die vorab bekannt gewordenen Ergebnisse?

Johannes-Wilhelm Rörig: Zunächst stehe ich erschüttert vor dem Leid der Betroffenen, das da offenbar wird. Über die Zahlen, die jetzt öffentlich sind, wundere ich mich leider nicht. Die Aufarbeitungsberichte aus den USA und Australien haben schon ein ähnlich entsetzliches Bild gezeigt.

Ist die katholische Kirche da nur eine Institution von vielen oder tatsächlich besonders anfällig für Missbrauchstaten?

Sexueller Missbrauch ist das falsche Thema für ein Ranking. Aber die katholische Kirche erhebt einen besonders hohen Anspruch, an dem muss sie sich auch messen lassen. Sie muss nun die Debatte über die Frage intensivieren, inwieweit ihre Strukturen dazu beigetragen haben, dass Missbrauch tausendfach begangen und verdeckt werden konnte.

Das hat ja auch politische Konsequenzen. Das Ansehen der katholischen Kirche in der Öffentlichkeit ist arg beschädigt.

Staat und Kirche sind in Deutschland eng verwoben. Das hat sich insgesamt bewährt, das bedeutet aber auch, dass Staat und Kirchen jetzt gemeinsam Verantwortung übernehmen und nach Wegen suchen müssen, um eine unabhängige Aufklärung und Aufarbeitung von Missbrauch im kirchlichen Kontext, aber auch in anderen Kontexten zu ermöglichen.

Man könnte ja sagen: Das ist erst einmal Sache der Kirche.

Natürlich ist die Kirche hier in der Pflicht. Aber das hat eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Gerade weil Staat und Kirche Partner sind, ist hier auch der Staat gefragt. Er trägt Verantwortung für alle Kinder, auch die, die sich in Obhut der Kirche befinden. Der Staat muss ein Interesse an einer tief gehenden Aufarbeitung haben. Ihm kann nicht an einer Kirche gelegen sein, die jede Glaubwürdigkeit verliert.

Ist der Bericht der Bischofskonferenz nicht Aufarbeitung genug?

Er ist ein erster, respektabler Schritt der Aufklärung, aber er hat doch klare Grenzen. Eine unabhängige Aufarbeitung muss weiter gehen. Die Betroffenen müssen im Mittelpunkt stehen, das von ihnen vorgetragene Leid. Zwischen der Institution und den Betroffenen muss in angemessener Weise eine Klärung des Unrechts stattfinden; die Institution ein authentisches Schuldanerkenntnis leisten. Da müssen wir dringend diskutieren, ob wir der katholischen Kirche die nächsten Schritte alleine überlassen - oder ob hier nicht der Staat auch in der Pflicht ist, viel stärker mitzuwirken, als er das bisher getan hat.

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George Pell, beurlaubter Finanzchef der Kurie in Rom, muss sich wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch verantworten. Was wird ihm vorgeworfen? Und warum hat die australische Justiz Journalisten einen Maulkorb verpasst?

Das ist ja in anderen Ländern bereits geschehen, zum Beispiel in Australien, wo eine staatliche Kommission ein Vernehmungsrecht hatte und Zugriff auf alle Akten. Dort verjährt allerdings Missbrauch nicht, anders als in Deutschland.

Ja, wir müssen für Deutschland andere Wege finden. Die Ergebnisse der Studie sind dramatisch und eine Zäsur. Sie fordern uns geradezu heraus, bisherige Positionen zu überdenken. Das gilt übrigens nicht nur für die katholische Kirche, die Bischöfe, die Orden. Das gilt auch für die evangelische Kirche und andere Weltanschauungsgemeinschaften. Es gilt, das himmelschreiende Unrecht, das Kinder und Jugendliche erlitten haben, gemeinsam aufzuarbeiten.

Wie sollte das konkret aussehen?

Es bräuchte zum Beispiel ein Akteneinsichtsrecht für Betroffene als wichtigen Teil der individuellen Aufarbeitung. Es bräuchte Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse zu Akten, es müsste die Beteiligung von Betroffenen geregelt werden. Wir haben in Deutschland auch noch keine Antwort auf die Frage: Was ist eine angemessene Entschädigung? Für die Betroffenen ist das eine offene Wunde. So etwas könnte in Staat-Kirchen-Verträgen geregelt werden, die für den Bereich der Aufklärung und Aufarbeitung von Missbrauch abgeschlossen werden - Verträge zwischen Bund und Bischofskonferenz oder evangelischer Kirche, den Ländern und den Bistümern beziehungsweise Landeskirchen.

Und da machen die Kirchen mit?

Gerade die katholische Kirche ist an einem Punkt angekommen, wo sie ganz sicher spürt: Es geht so nicht weiter. Es braucht einen weiteren, mutigen Schritt, um den riesigen Vertrauensverlust zu stoppen, um diese Schuld aufzuarbeiten. Viele Bischöfe merken: Sie können nicht mehr alleine aufklären und aufarbeiten. Und da ist dann auch der Staat gefragt, nach Wegen zu suchen, wie hier Gerechtigkeit hergestellt werden kann.

Staatliche Stellen haben sich da bislang zurückgehalten, nach dem Motto: Das geht uns zum Glück nichts an.

Ja, und das ist falsch. Ich erlebe immer wieder Politiker in Bund und Ländern als entrüstete Zaungäste, die aber selber nicht zu aktiver Verantwortungsübernahme bereit sind. Entrüstung reicht nicht. Wir haben als Bundesrepublik die Verantwortung für viele Hunderttausend Minderjährige in die Hände der Kirchen gelegt. Wir dürfen nicht das Leid, das Kindern und Jugendlichen geschah, einfach ignorieren und sagen: Da müssen sich halt die Kirchen kümmern.

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