Migranten in Riace Italien setzt dem Integrations-Symbol ein Ende

Migranten demonstrieren in Riace gegen die Festnahme des Bürgermeisters Domenico Lucano.

(Foto: REUTERS)
  • 200 Migranten müssen das italienische Dorf Riace verlassen und in Flüchtlingsheime umziehen.
  • Die Anordnung von Italiens Innenminister Salvini verschärft einen Konflikt, der das ganze Land spaltet.
  • Riaces Umgang mit Flüchtlingen gilt vielerorts als Vorbild für Integration und Toleranz. Salvini will verhindern, dass daraus ein Vorbild für andere Gemeinden wird.

Riace ist eine kleine Gemeinde in Kalabrien: alte Steinhäuser, ein mittelalterliches Zentrum, von den Stadtmauern aus blickt man aufs Mittelmeer, das sich am Fuß des Hügels erstreckt. Nur rund 2000 Menschen leben in dem idyllischen Ort an der Südspitze Italiens - und doch streitet aktuell das halbe Land über Riace.

Das italienische Innenministerium hat nun angeordnet, etwa 200 Migranten, die bislang in Riace wohnen, in Flüchtlingsunterkünften unterzubringen. Die Umsiedlung soll in der kommenden Woche beginnen. Damit verschärft sich der Konflikt zwischen Riace und der italienischen Regierung weiter.

Anfang Oktober war Bürgermeister Domenico Lucano festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung. Er soll Scheinehen zwischen Bewohnern seines Dorfes und Migrantinnen arrangiert haben. Außerdem wird ihm vorgeworfen, er habe die Müllentsorgung in Riace ohne vorherige Ausschreibung an Migranten vergeben.

Politik Italien Hausarrest für einen Engagierten
Italien

Hausarrest für einen Engagierten

Domenico Lucano, Bürgermeister von Riace, hat Hunderte Migranten in seinem kleinen Örtchen integriert. Dass er selbst sich nun nicht mehr frei bewegen kann, sehen viele als ein Zeichen für die neuen Machtverhältnisse in Rom.   Von Oliver Meiler

Lucano und seine Gemeinde gelten international als Symbol für Integration und Toleranz. Riace beherbergte Menschen etwa aus Afghanistan, Eritrea und dem Irak und quartierte sie in leerstehenden Häusern ein. Die Schule wurde wieder geöffnet, von Flüchtlingen und Bewohnern neu eröffnete Geschäfte und Ateliers zogen Touristen an. Das von Abwanderung bedrohte Dorf erwachte zu neuem Leben.

2016 nahm die Zeitschrift Fortune Lucano in die Liste der 50 einflussreichsten Persönlichkeiten auf, er gewann den Dresdner Friedenspreis, der deutsche Regisseur Wim Wenders drehte einen Film über ihn. Der Papst sagte einmal, er bewundere den Bürgermeister für seine Taten.

Innenminister Salvini will nicht, dass Riace zum Vorbild wird

In ganz Italien protestierten Menschen gegen seine Festnahme. In sozialen Medien formierte sich eine Solidaritätswelle mit dem Hashtag: #iostoconmimmo, ich stehe hinter Mimmo, so der Spitzname Lucanos. Auch Prominente wie Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano äußerten sich. Sie werfen der Regierung politische Motive vor. Die Festnahme zeige, dass sich Italien in ein "autoritäres Regime" verwandle, sagte Saviano. Lucano selbst erklärte, die Regierung wolle seine migrantenfreundliche Projekte zerstören.

Seit dem Sommer regiert in Italien die rechtsextreme Lega in einer Koalition mit der Fünf-Sterne-Bewegung. Vor allem Innenminister Matteo Salvini verfolgt einen flüchtlingsfeindlichen Kurs. Er setzt auf Provokationen und Tabubrüche, nennt Hilfsorganisationen "Vizeschlepper" und lässt ihre Schiffe nicht mehr in italienische Häfen, will Roma und Sinti zählen lassen und unterstellt Flüchtlingen, auf "Kreuzfahrt" zu einem "schönen Leben" zu sein.

Nach Lucanos Festnahme twitterte der Lega-Politiker: "Donnerwetter, was sagen jetzt wohl Saviano und all die Gutmenschen, die Italien gerne mit Immigranten vollstopfen würden?" Offenbar will Salvini verhindern, dass sich andere italienische Städte und Dörfer das kleine Örtchen Riace zum Vorbild nehmen.

Italien Salvini ist rechts der Ordnung

Italien

Salvini ist rechts der Ordnung

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Innenminister Matteo Salvini wegen schwerwiegender Freiheitsberaubung. Sogar das nutzt der Mann von der rechtspopulistischen Lega für sein Selbstmarketing. Dabei hat er in der Migrationsfrage bis jetzt wenig erreicht.   Von Oliver Meiler