CDU Merz muss über alte Schatten springen

Friedrich Merz trifft in der CDU auf einen Resonanzboden, den so nur wenige erwartet haben.

(Foto: imago/Revierfoto)

Merkel-Hasser? Kapitalist? Mit seiner Kandidatur wird Friedrich Merz auch gegen Vorurteile kämpfen müssen. Ob er tatsächlich eine Chance für die CDU sein kann, liegt vor allem an ihm selbst.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Friedrich Merz will CDU-Chef werden - vor 15 Jahren wäre das eine Meldung gewesen. Heute ist es eine Sensation. Nicht so sehr, weil der 62-Jährige von diesem Posten geträumt hat. Sondern weil er mit seiner Kandidatur eine reelle Chance hat. Seit neun Jahren ist er nicht mehr im Bundestag, seit 14 Jahren ist er innerlich ausgeschieden. Trotzdem trifft er in der Partei auf einen Resonanzboden, den so nur wenige erwartet haben.

Die CDU hat diese Debatte über ihren Kurs und ihr Selbstverständnis bitter nötig. Sie hat viel zu lange sehnsüchtig darauf gewartet, weil inhaltliche Diskussionen immer und immer wieder von machtpolitischen Erwägungen überlagert wurden. Die Partei ist nicht leer, aber debattenunerfahren. Aber debattieren muss sie, will sie wieder Menschen für Parteien, Politik und Demokratie begeistern.

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Der Jurist und frühere Unionsfraktionschef will Merkel an die Spitze der Partei nachfolgen. "Wir brauchen in der Union Aufbruch und Erneuerung", schreibt er in einer Mitteilung.

Schuld an dem Stillstand war keineswegs nur Angela Merkel. Es lag vor allem daran, dass auch viele andere Mitstreiter rund um die Kanzlerin offene Debatten als Gefahr für den Machterhalt gefürchtet haben. Bei keinem ist das am Ende so sehr zum Problem geworden wie bei Fraktionschef Volker Kauder. Ein weitgehend unbekannter Ralph Brinkhaus schaffte es aus dem Stand und ohne hinterhältige Tricks, ihm im offenen Duell das Amt abzujagen.

Jetzt freilich, da ein echter Wettbewerb um Parteivorsitz und Positionen möglich geworden ist, fühlt es sich für viele Christdemokraten an, als habe jemand ein Ventil geöffnet.

Keine Kandidatur steht dafür so sehr wie die von Merz. Sollte er es schaffen, die Partei aus ihrem Wachkoma zu führen, hätte schon das allein Gutes bewirkt. Nicht nur die CDU, sondern die demokratische Gesellschaft insgesamt braucht Leute mit neuer Energie und positiver Leidenschaft für die Demokratie.

Ob Merz in der CDU gewinnen kann, ob er gar Kanzler werden könnte, hängt indes vor allem von ihm selbst ab. Ein Rachefeldzug gegen die von ihm oft kritisierte und manchmal angefeindete Merkel wäre ein sicherer Weg in die Niederlage. Sollte das sein Plan sein, wird er schneller scheitern als er denken kann.

Einem Merz des Jahres 2002 werden die CDU-Anhänger nur kurz lauschen und auf Dauer nicht wirklich vertrauen. Es muss schon ein Friedrich Merz sein, der die Partei im Jahr 2018 mit Antworten auf das Hier und Jetzt und Heute für die Zukunft aufwecken, aufrütteln und anstecken möchte. Alte Schlachten interessieren kaum jemanden, er wird neue Antworten auf heutige Ängste liefern müssen.

Dazu gehört als Reaktion auf die Versäumnisse aus der Flüchtlingskrise eine Neubetonung von Sicherheit und Ordnung, aber auch ein leidenschaftliches Plädoyer für den Rechtsstaat. Und dazu gehört als Antwort auf den miserablen Zustand von Infrastruktur, öffentlichen Schulen und dem hinterherhinkenden Ausbau der Digitalisierung, dass auch ein entschlossener Marktwirtschaftler wie Merz die öffentlichen Aufgaben des Staates ernst nimmt. Anders wird auch er es nicht schaffen, verloren gegangenes Vertrauen in Parteien, Verwaltung und Demokratie zurückzugewinnen.

Will Merz die CDU nicht nur aufwecken, sondern tatsächlich verantwortungsvoll führen, muss er an manchen Stellen über alte Schatten springen. Nur dann wird es ihm bei aller Sehnsucht nach Öffnung und neuen Debatten gelingen, die CDU tatsächlich für sich einzunehmen.

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