bedeckt München 26°

Deutschland und die USA:Die Kanzlerin klagt an

Angela Merkel und Donald Trump im Weißen Haus 2018

Angela Merkel hat ihr Verhältnis zu Donald Trump stets nüchtern gestaltet, auch bei gemeinsamen Auftritten wie im April 2018 im Weißen Haus.

(Foto: Brendan Smialowski/AFP)

Noch nie hat Angela Merkel einen US-Präsidenten derart deutlich angegriffen wie nun Donald Trump. Mittlerweile hat die Beziehung eine neue Qualität erreicht.

Am Anfang stand eine Erklärung. Wenige Stunden, nachdem Donald Trump im November 2016 als Sieger der US-Präsidentenwahl feststand, gab Angela Merkel ein Statement ab. Deutschland und Amerika seien "durch Werte verbunden: Demokratie, Freiheit, Respekt vor dem Recht und der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung", sagte die Kanzlerin. "Auf der Basis dieser Werte" bot sie Trump eine enge Zusammenarbeit an. Es gab Stimmen, die Merkels Bedingungen angesichts der Gewichte im deutsch-amerikanischen Verhältnis anmaßend fanden.

Am vergangenen Freitag hat sich die Kanzlerin in ihrer Sommerpressekonferenz zu Angriffen Trumps auf vier demokratische Kongressabgeordnete mit Migrationshintergrund geäußert. Doch das Verb "distanzieren", auch wenn sie es selbst benutzte, beschreibt nicht annähernd die Bedeutung von Merkels Worten. Noch nie hat die Kanzlerin einem US-Präsidenten in der Öffentlichkeit persönlich so heftig widersprochen.

Angela Merkel Merkel distanziert sich deutlich von Trump-Angriffen auf Demokratinnen Video
Sommer-Pressekonferenz

Merkel distanziert sich deutlich von Trump-Angriffen auf Demokratinnen

Die Bundeskanzlerin stand vor ihrem Urlaub Journalisten in Berlin bei der traditionellen Sommer-Pressekonferenz Rede und Antwort.

Selbst ihr "Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht" im Zuge der NSA-Affäre richtete sich nicht explizit gegen den damaligen Präsidenten Barack Obama. Dagegen kamen die Äußerungen der Kanzlerin am Freitag einer Anklage auf der Basis ihrer Erklärung von 2016 gleich: Erstmals thematisierte sie nicht nur politische Unterschiede, sondern einen Verstoß gegen die Grundlagen der Zusammenarbeit.

Die Geschichte lief in zwei Teilen ab. In der Antwort auf eine erste Frage zu Trumps Äußerungen und ihrer Vereinbarkeit mit gemeinsamen Werten sagte Merkel: "Noch" habe die amerikanische Demokratie ein Wahlrecht und eine demokratische Grundstruktur. Weil sie selbst gemerkt haben dürfte, welche Wucht in dem Wörtchen "noch" lag, fügte sie hinzu: "Und das wird ja auch so bleiben." Trotzdem wolle sie "ganz deutlich sagen, dass die Stärke Amerikas aus meiner Perspektive gerade darin liegt, dass es ein Land ist, in dem Menschen ganz unterschiedlicher Nationalität zur Stärke dieses amerikanischen Volkes beigetragen haben". Diesem Eindruck liefen die Äußerungen Trumps zuwider, so Merkel. "Das ist etwas, was die Stärke Amerikas konterkariert." Damit sagte die Kanzlerin schlicht: Der amerikanische Präsident verhält sich unamerikanisch.

Einige Minuten später wurde Merkel gefragt, ob sie sich persönlich von den Attacken distanziere, worauf die Kanzlerin antwortete: "Ja. Ich distanziere mich davon entschieden und fühle mich solidarisch mit den drei attackierten Frauen." Dass sie von drei statt vier Frauen sprach, wurde vom Kanzleramt später als Versehen bezeichnet. Sie habe alle betroffenen Frauen gemeint. Dass Merkel sich distanzierte, kann nur heißen, dass sie die Äußerungen mit mindestens zwei Punkten aus ihrer Erklärung nach Trumps Wahlsieg für unvereinbar hält: Dem "Respekt vor der Würde des Menschen, unabhängig von Herkunft (...) oder politischer Einstellung".