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Kremlkritiker in der Charité:Merkel: Nawalny wurde vergiftet

Merkel Speaks to Media As German Authorities Confirm Alexei Navalny Was Poisoned With Novichok

Merkel bei ihrem Statement

(Foto: Getty Images)

Ein Bundeswehr-Labor weist im Blut des russischen Oppositionspolitikers einen Nervenkampfstoff nach. Der Botschafter Moskaus wurde ins Auswärtige Amt bestellt. "Die Welt wird auf Antworten warten", sagt die Kanzlerin.

Von Nico Fried und Robert Roßmann, Berlin

Der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny ist mit einem chemischen Kampfstoff aus der Nowitschok-Gruppe vergiftet worden. Dieses Ergebnis einer toxikologischen Untersuchung teilte die Bundesregierung am Mittwoch mit. "Es sind bestürzende Informationen über den versuchten Giftmord an einem der führenden Oppositionellen Russlands", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. Nawalny sei "Opfer eines Angriffs mit einem chemischen Nervenkampfstoff" geworden. Damit sei sicher, dass er "Opfer eine Verbrechens" geworden sei - "er sollte zum Schweigen gebracht werden".

Das verurteile sie im Namen der gesamten Bundesregierung "auf das Allerschärfste". Man erwarte, dass "sich die russische Regierung zu diesem Vorgang erklärt". Es würden sich sehr schwerwiegende Fragen stellen, die Moskau nun beantworten müsse, sagte Merkel. Das Schicksal Nawalnys habe "weltweite Aufmerksamkeit erlangt - die Welt wird auf Antworten warten".

Zuvor hatte Regierungssprecher Steffen Seibert erklärt, ein Speziallabor der Bundeswehr habe auf Veranlassung des Berliner Universitätskrankenhauses Charité, in dem Nawalny behandelt wird, eine toxikologische Untersuchung vorgenommen. Dabei sei der "zweifelsfreie Nachweis" eines Kampfstoffes der Nowitschok-Gruppe erbracht worden. Der russische Botschafter wurde noch am Mittwoch in das Auswärtige Amt bestellt.

Das Ergebnis der Untersuchung ist brisant, weil der frühere Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Julia 2018 in Großbritannien ebenfalls mit Nowitschok vergiftet worden waren. Damals wurden zwei Männer mit Verbindungen zum russischen Militär als Tatverdächtige identifiziert. Die britische Regierung machte Russland für das Attentat verantwortlich. Als Reaktion hatten zahlreiche westliche Staaten russische Diplomaten ausgewiesen.

MOSCOW, RUSSIA - FEBRUARY 29, 2020: Opposition activists Lyubov Sobol (L), and Alexei Navalny (C) with wife Yulia (R) t

Alexej Nawalny am 29. Februar in Moskau: Zusammen mit anderen Aktivisten gedenkt er der Ermordung des Kremlkritikers Boris Nemzow. Nun sollte auch er „zum Schweigen gebracht werden“, wie Merkel sagte.

(Foto: Sergei Fadeichev/imago images/ITAR-TASS)

Das russische Außenministerium wies die Angaben Deutschlands zurück. Es gebe keine Beweise für eine Vergiftung Nawalnys, berichtete die Nachrichtenagentur RIA unter Berufung auf das Außenministerium. Moskau warf der Regierung in Berlin vor, nicht zu kooperieren. Russland fordere Deutschland zur Zusammenarbeit auf, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax den Regierungssprecher Dmitri Peskow.

Die Nachrichtenagentur Tass zitierte den Duma-Abgeordneten Andrej Lugowoj mit den Worten, falls man Nowitschok nachgewiesen habe, sei Nawalny damit wahrscheinlich in der Berliner Klinik in Berührung gekommen.

Sowohl die USA, die Nato als auch die Europäische Union reagierten umgehend auf das Untersuchungsergebnis. Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus, John Ullyot, teilte auf Twitter mit: "Alexej Nawalnys Vergiftung ist vollkommen verwerflich." Ullyot verwies darauf, dass Russland Nowitschok in der Vergangenheit eingesetzt habe und kündigte an, die USA würden mit Verbündeten zusammenarbeiten, um die Verantwortlichen in Russland zur Rechenschaft zu ziehen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, die Allianz "sieht jeden Einsatz von chemischen Waffen als eine Bedrohung des internationalen Friedens". EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen nannte die Vergiftung einen feigen Akt, die Täter müssten "zur Rechenschaft gezogen werden". Merkel sagte, sie spreche Nawalny ihr Mitgefühl aus. Das gelte auch seiner Familie. Sie hoffe, dass er von dem Anschlag genesen könne. Mit den Partnern in der Nato und in der EU werde man nun beraten und "im Lichte der russischen Einlassungen über eine angemessene, gemeinsame Reaktion entscheiden". Das Verbrechen an Nawalny richte "sich gegen die Grundwerte und Grundrechte, für die wir eintreten". Seibert hatte erklärt, man habe Nawalnys Frau und die behandelnden Ärzte informiert. Der Gesundheitszustand Nawalnys ist laut Charité weiterhin ernst. Zwar gingen die Symptome der Vergiftung zurück, Nawalny liege aber nach wie vor auf der Intensivstation und werde maschinell beatmet. Mit einem längeren Krankheitsverlauf sei zu rechnen, Langzeitfolgen seien nicht auszuschließen.

Das Umfeld Nawalnys fühlt sich in seiner Überzeugung bestätigt, dass der Befehl für den Anschlag von oberster Stelle gekommen sei. "Wer Nawalny im Jahr 2020 mit Nowitschok vergiftet, kann auch gleich ein Autogramm am Tatort zurücklassen", schrieb Nawalnys Vertrauter Leonid Wolkow auf Twitter und veröffentlichte dabei die Unterschrift des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Nawalny, der als bekanntester Kritiker Putins gilt, war am 20. August während eines Fluges zusammengebrochen und in ein Krankenhaus in Omsk gebracht worden. Zwei Tage später wurde er nach Berlin geflogen. Am 25. August teilte die Charité mit, dass es Anzeichen für eine Vergiftung gebe. Die Charité hatte die Bundeswehr dabei um Hilfe gebeten, die in München ein eigenes Institut für Pharmakologie und Toxikologie betreibt.

© SZ vom 03.09.2020

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