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Merkel nach dem Köhler-Rücktritt:Kanzlerin in Not

Eurokrise, Koch-Abgang, Spardebatte - und jetzt das Köhler-Desaster. "Die Kanzlerin ist einfach in einer beschissenen Lage", heißt es sogar aus der Regierung. Angela Merkel kämpft gegen einen Berg an Problemen - und um ihr Amt.

Stefan Braun und Nico Fried, Berlin

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Bundeskanzlerin  Merkel am Schreibtisch

Quelle: ag.ddp

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Eurokrise, Koch-Abgang, Spardebatte - und jetzt das Köhler-Desaster. "Die Kanzlerin ist einfach in einer beschissenen Lage", heißt es sogar aus der Regierung. Angela Merkel kämpft gegen einen Berg an Problemen - und um ihr Amt.

Wenn drum herum so vieles in sich zerfällt, wenn einer nach dem anderen davonläuft, wenn der Kitt der Koalition sich auf die fünf Buchstaben Chaos reduziert, dann muss die oberste Devise lauten: eins nach dem anderen. Für Angela Merkel ist es wichtig, dass die Koalition den Eindruck erweckt, sie handle mit System. Bei ARD und ZDF hat die Kanzlerin das so gesagt: "Wir meistern die Aufgabe, die auf dem Tisch liegt."

Merkel wählte den Singular, nicht den Plural. Wäre dieser Tisch wirklich ein Tisch, so würde sich seine Platte biegen unter der Last. Denn es ist nicht eine Aufgabe, es sind Dutzende.

German Chancellor Merkel Visits Gulf States

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Das bankrotte Griechenland, der wacklige Euro, zwei Dutzend europäische Staaten mit einer anderen Meinung, das Debakel von Nordrhein-Westfalen, die verschobene Steuersenkung, der Niedergang des Koalitionspartners FDP, der Abgang von Roland Koch, der Zwang zu sparen, die Kakophonie in der Koalition, der Rücktritt von Horst Köhler. "Der Mensch wächst mit seinen Herausforderungen", sagt dazu die Kanzlerin. Entweder leidet sie an Realitätsverweigerung. Oder sie meint das ernst.

Bundestag

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Beschwichtigen ist jetzt ganz wichtig. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht aus jeder Aufgabe eine Krise machen", sagt Merkel. Sie muss so tun, als habe sie den Überblick. Und irgendwie ist es ja auch verrückt, denn das mit dem Wachsen stimmt jedenfalls insofern, als Merkel plötzlich wie eine letzte politische Instanz wirkt. Sie muss nicht nur sich erklären, was ihr bisweilen schwer genug fällt. Sie soll jetzt auch noch den Bundespräsidenten erklären. Warum hat er das getan? Was sagt das über sein Verantwortungsgefühl?

Angela Merkel

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Merkel hatte von Anfang an, was Horst Köhler sich in sechs Jahren nicht angeeignet hat: ein dickes Fell. Wenn der Grund für den Rücktritt des Bundespräsidenten wirklich die Kritik an seinen missverständlichen Äußerungen war, dann hätte die Kanzlerin jeden Tag drei Gründe, abzuhauen. Viele geben ihr nicht nur die Schuld an der Euro-Krise.

Koch verkuendet Rueckzug aus Politik

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Für manche ist sie zum Beispiel auch schuld am Abschied von Roland Koch, weil sie ihm nicht weitergeholfen hat. Als Merkel im Herbst 2009 Wolfgang Schäuble zum Finanzminister machte, war dies die Personalentscheidung, für die sie das meiste Lob kassierte. Trotzdem muss sie nun dauernd die Frage beantworten, warum sie eigentlich damals nicht Roland Koch zum Finanzminister gemacht habe, um ihn in der Politik zu halten. So schnell geht das.

Schloss Bellevue

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Im Falle Horst Köhler freilich verhält es sich etwas anders. Zu viele Fragen sind noch offen. Zweimal hat Merkel am Montag mit ihm telefoniert. Am Abend sagt sie dreimal kurz hintereinander, dass sie versucht habe, ihn umzustimmen. Vergeblich. Am nächsten Morgen werden Einzelheiten des Gesprächs bekannt, die, wenn sie stimmen, eigentlich nur aus dem Hause Merkel kommen können. Die Kanzlerin soll Köhler gewarnt haben, ein Rücktritt könne das Vertrauen in die politischen Institutionen erschüttern. Merkel will vermitteln, sie habe alles versucht. Denn sie weiß auch: Es wird sich herumsprechen, dass ihr Verhältnis zu Köhler nicht mehr das beste war, und dass sich der Bundespräsident im kleinen Kreis über angebliche Indiskretionen aus dem Kanzleramt beklagt haben soll.

Rücktritt Köhler - Stellungnahme Merkel

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Was viele in Merkels CDU gerade am meisten umtreibt: die allmähliche Total-Überlastung. Die Eurokrise, die "Wahnsinnsspardebatte", wie ein Erfahrener in der Regierung es ausdrückt. Und jetzt auch noch der Druck, einen Köhler-Nachfolger zu finden. "Die Kanzlerin ist einfach in einer beschissenen Lage", sagt der Mann mit Weitblick und Kabinettsrang. "Eigentlich müsste sie sich jetzt bis ins Detail um den Haushalt kümmern; stattdessen muss sie ein neues Staatsoberhaupt küren." Er weiß, was das bedeutet, er ist auch 2004 an der Findung beteiligt gewesen.

German Chancellor Merkel walks past a logo of the conservative CDU at the party congress in Hanover

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Derlei Sätze sagen am Tag eins nach Köhlers Ruckzuck-Ausstieg viel aus über die Gemütslage bei den Christdemokraten. "Meine Mutter versteht überhaupt nicht, warum er gegangen ist. Bei ihr ist nur der Rücktritt angekommen, aber nicht die Begründung", erzählt einer aus der Parteispitze. Ein Interview? Umstrittene Äußerungen zu Afghanistan? "Sie sagt: Das ist doch kein Grund, aufzugeben." Man ahnt, dass das, was da die CDU-Mutter denkt, ziemlich übereinstimmt mit den Gedanken der Bundesparteiführung. Und der Kanzlerin.

Nun könnte das eine CDU, die vor Kraft kaum laufen kann, nicht weiter stören. Die CDU Ende Mai 2010 aber kann das von sich ganz gewiss nicht behaupten. Im Gegenteil. Das Krisengefühl hat sich überall festgefressen und mit Köhlers Rückzug neue Nahrung bekommen. "Wir können das für begründet oder für unbegründet halten, aber für viele Menschen ist mit ihm in ohnehin schwerer Zeit ein weiterer Anker des Vertrauens abhandengekommen", sagt ein CDU-Präsidiumsmitglied. Manch einer seiner Kollegen schaut deshalb in einer Mischung aus Zorn und Verunsicherung auf die rot-grüne Opposition und denkt sich: "Die glauben: Noch drei Monate, dann haben sie uns erledigt." Die Angst ist real geworden unter den Mitgliedern der schwarz-gelben Regierung.

© sueddeutsche.de/woja

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