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Kanzlerin und Biontech-Gründer:"Ins Weltrampenlicht geraten"

Verleihung 13. Deutscher Nachhaltigkeitspreis

Die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci Anfang Dezember bei einer Preisverleihung. Sie sind zugeschaltet.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)

Angela Merkel konferiert virtuell mit dem Mainzer Forscherpaar Özlem Türeci und Uğur Şahin - und zeigt sich "mächtig stolz". Die Mainzer Wissenschaftler schildern, wie sie schon im Januar entschieden haben, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln.

Von Nico Fried, Berlin

Am Schluss hat die Kanzlerin eine Frage an den Herrn Professor und die Frau Doktor: "Wann haben Sie gesagt, das ist hier unsere Mission?" Angela Merkel möchte es gerne ganz genau wissen: "Wie kam das? Saß man da eines Morgens zusammen beim Kaffee und hat gesagt, das ist es, worauf wir uns jetzt stürzen?"

Özlem Türeci und Uğur Şahin, die Gründer der Firma Biontech in Mainz, stimmen sich kurz ab, der Professor überlässt das Wort seiner Frau. Und die Antwort, die sie gleich geben wird, zeugt von bemerkenswerter Weitsicht und unternehmerischem Mut.

Es ist ein ungewöhnlicher Firmenbesuch, den Angela Merkel zusammen mit ihren beiden Ministern Jens Spahn und Anja Karliczek am Donnerstagvormittag unternimmt. Normalerweise lassen sich Politiker zu solchen Anlässen mit Schutzanzügen durch sterile Labore führen, dann schütteln sie für die Kameras vielleicht mal ein Reagenzglas und nicken, wenn ihnen komplizierte Kurven auf bunten Monitoren erläutert werden. Doch in Corona-Zeiten ist eben nichts normal.

Merkel sitzt im Kanzleramt, Karliczek im Forschungsministerium, Spahn im Gesundheitsministerium. Gemeinsam blicken sie per Videokonferenz in zwei Büros in Mainz, wo der erste Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt wurde. Ein Impfstoff, der in den USA, Kanada und Großbritannien bereits verabreicht wird und voraussichtlich vom 27. Dezember an auch in Europa in Millionen Oberarme gespritzt werden soll.

"Sehr, sehr aufregend"

Biontech, sagt Merkel, sei ja ein junges Unternehmen, "das nun sehr schnell ins Weltrampenlicht geraten" sei. "Wir sind mächtig stolz, auch als Bundesregierung, das bei uns im Lande solche Forscher da sind", sagt eine gut gelaunte Kanzlerin freimütig.

"Wir tun jetzt mal so", fährt Merkel fort, "als würden wir bei Ihnen sein und uns alles ganz neugierig anschauen." Und was sieht sie da in Mainz? Ein ziemlich schlichtes Büro, zwei Computer-Bildschirme von hinten, ein paar Plastikfläschchen, Desinfektionsspray auf dem Schreibtisch und auf dem Regal eine Mikrowelle, die den Verdacht nahelegt, dass manche Mahlzeit in den vergangenen Monaten weniger aus Gründen der Kulinarik, sondern wegen ihrer kurzen Zubereitungszeit gewählt wurde.

Denn Eile war gefragt in den vergangenen elf Monaten. Wobei Uğur Şahin erläutert, dass diese schnelle Entwicklungszeit ohne 30 Jahre Vorarbeit nicht möglich gewesen sei. So lange habe man schon daran geforscht, wie das Immunsystem zu aktivieren sei, um Krebs zu bekämpfen, aber auch Infektionskrankheiten.

Dabei hätten seine Frau und er auch schon früh den Gedanken verfolgt, sogenannte mRNA-Impfstoffe zu entwickeln, mit denen nicht wie bei herkömmlichen Impfungen inaktivierte Erreger in den Körper gespritzt werden, sondern nur deren genetischer Bauplan, auf dessen Grundlage der Körper die Antigene dann quasi selbst zusammenbastelt.

Man habe zahlreiche öffentliche Fördergelder erhalten, auch einen Zuschuss zur Unternehmensgründung, was hilfreich gewesen sei, um private Investoren zu finden, "die an uns geglaubt und Geduld mitgebracht haben". Auch das Bundesforschungsministerium hat Biontech diverse Hilfen über lange Zeiträume gewährt.

Anja Karliczek, Ministerin seit 2018, nutzt die Gelegenheit zu einer kleinen Rechtfertigung. Sie werde ja häufig von Journalisten gefragt: "Was machen Sie denn da?" Und an Biontech könne man nun sehen, was gemeint sei, wenn sie darauf antworte, dass die Forschungsförderung des Ministeriums "langfristig angelegt" sei.

Şahin hebt aber auch die internationale Kooperation hervor. Allein in der Firma arbeiten Menschen aus 60 verschiedenen Ländern. Und ohne die Kooperation mit dem US-Pharmakonzern Pfizer, so Şahin, wäre eine Studie mit mehr als 44 000 Probanden nicht möglich gewesen. Vor allem aber sei "von vorneherein klar gewesen, dass unsere kleine Firma niemals in der Lage sein wird, Milliarden Dosen mit Impfstoff auszuliefern".

Özlem Türeci berichtet, die vergangenen Monate seien für das Unternehmen "sehr, sehr aufregend" gewesen. "Die Mission war immerhin, das, was unmöglich schien, möglich zu machen." Man habe gewusst, dass es schnell gehen musste. Dabei habe man aber "keine Abkürzungen nehmen", sondern nach höchsten Standards arbeiten wollen. Dies sei auch bis heute "unverhandelbar".

Ziel sei es zudem gewesen, eine hohe Wirksamkeit des Vakzins zu erreichen, was mit 95 Prozent über alle Altersgruppen und Ethnizitäten hinweg gelungen sei. Niemand sollte sich nach einer Impfung "irrtümlich in Sicherheit wiegen" müssen, so Türeci. Und schließlich sei die Verträglichkeit des Wirkstoffes bedeutsam gewesen. In der Probephase seien die auch bei anderen Impfungen üblichen Nebenwirkungen "in milder und moderater Ausprägung" festgestellt worden. Und die Verträglichkeitsdaten aus Großbritannien, wo mittlerweile 140 000 Personen geimpft worden seien, "sind genauso, wie wir sie in unserer klinischen Studie gezeigt haben".

Das Etappenziel, den Menschen einen Impfstoff zugänglich zu machen, sei nun bald erreicht, sagt Türeci. Die Kanzlerin sagt: "Wir freuen uns auf den Tag, an dem das Impfen zugelassen werden kann."

Gesundheitsminister Jens Spahn kündigt in der Videokonferenz an, am Freitag die Impfverordnung zu unterzeichnen. Uğur Şahin verspricht, dass die Mitarbeiter von Biontech "über Weihnachten arbeiten", damit am 27. Dezember begonnen werden könne. "Wir sind zuversichtlich", sagt Şahin, "dass wir im nächsten Winter schon wieder ein normales Leben ohne Lockdown haben können."

Entscheidung am Frühstückstisch

Und wie war das jetzt noch mit der Frage der Kanzlerin? Angela Merkel liegt mit ihrer Vermutung, dass das Biontech-Ehepaar bei einer Tasse Kaffee gesessen habe, gar nicht schlecht. Özlem Türeci sagt, sie erinnere sich noch ganz genau: Es sei der 24. Januar gewesen, als ihr Mann am Frühstückstisch von der Lektüre eines Artikels berichtet habe, in dem Corona-Fälle in der chinesischen Stadt Wuhan geschildert worden seien. Es könne sich um eine Pandemie handeln, sagte Sahin damals.

Wie weitsichtig das war, wird klar, wenn man bedenkt, dass es zu diesem Zeitpunkt in Deutschland noch keinen nachgewiesenen Corona-Fall gab. Erst am 25. Januar fühlte sich ein 33-jähriger Mitarbeiter der Stockdorfer Firma Webasto krank, der am 27. Januar positiv getestet wurde.

In Mainz am Frühstückstisch hatte man da schon entschieden, "die Ressourcen umzuleiten in die Entwicklung eines Impfstoffs", erinnert sich Türeci. "Seither ist kein einziger Tag geruht worden, um an diesem Programm zu arbeiten."

© SZ/odg
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