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Menschenhandel im Sinai:Zwangsarbeit treibt Eritreer in die Hände von Menschenhändlern

"Ich dachte, wenn meine Eltern für mich zahlen, machen die Entführer weiter. Es ist ein gutes Geschäft. Sie machen viel Geld. Wenn ich mich selbst töte, dann müssen sie nicht zahlen ... Ich versuchte es drei Mal ... Die Beduinen bestraften mich ... Am Ende zahlten meine Eltern. Sie ließen mich frei und ich versuche nun, bei meinen Eltern die Schulden zu begleichen ... Ich kann meine Arme nicht mehr gebrauchen. Darum ist es schwer, Arbeit zu finden ... Ich hoffe, eines Tages nach Amerika gehen zu können, um meine Arme in Ordnung zu bringen. Das kostet viel mehr als meine Freilassung. Aber jetzt bin ich hier. Ich will meine Arme zurück. Ich will leben."

Die schwedische Menschenrechtlerin und Journalistin Meron Estefanos, ebenfalls Autorin der Studie, stammt aus Eritrea. Wie viele der Geiseln...

Dieser Vater sucht nach der Flucht aus Eritrea mit seinem Kind Schutz in Shagarab, dem sudanesischen Lager des UN-Flüchtlingshilfswerks.

(Foto: AFP)

Die große Mehrheit, definitiv mehr als 80 Prozent der Opfer von Menschenhändlern auf dem Sinai, kommt aus ihrem Heimatland. Es gibt in der Tat keine Familie in Eritrea, die nicht in irgendeiner Weise mit Menschenhandel in Berührung gekommen ist. Meron Estefanos begann damit, die Flüchtlinge zu befragen und andere zu warnen, den Sinai zu meiden.

Was treibt die Bevölkerung dort zur massiven Flucht?

Hier herrscht ein System der Unterdrückung. Es gibt keinerlei Freiheit, keine Meinungs- oder Pressefreiheit. Viele Einwohner sind im Gefängnis oder unter Arrest. Die Situation dort ist wirklich sehr schlimm. Unter der Diktatur von Isaias Afewerki wird im Grunde die gesamte arbeitende Bevölkerung in den Militärdienst eingezogen, oft lebenslänglich. Sie leisten Zwangsarbeit beim Aufbau der Infrastruktur, in der Landwirtschaft, bekommen keinen Lohn und werden gefoltert. Sie können dort nicht selbst über ihre Zukunft entscheiden. Darum flüchten jeden Monat 5000 Eritreer. Anfangs waren die meisten davon um die zwanzig. Mittlerweile werden die Flüchtlinge immer jünger. Einer der jungen Männer, mit denen wir gesprochen haben, floh mit 15 aus Eritrea, kam mit 16 auf den Sinai und mit 17 nach Lampedusa. Das ist ein typisches Alter. Doch wir haben auch noch jüngere getroffen, um die zwölf Jahre alt, die versuchten, aus Eritrea zu fliehen, bevor der Militärdienst beginnt. Sie fürchten um ihre Zukunft.

Die eritreische Regierung unter Präsident Isaias Afewerki steht international am Pranger. Die Vorstellung Ihres Berichts bei den Vereinten Nationen hat er verhindert.

Das war zu erwarten. Der eritreische Präsident hat Ban Ki-moon geschrieben und eine unabhängige Studie über den Menschenhandel gefordert. Doch dann stoppte die eritreische Regierung die Diskussion bei den Vereinten Nationen mit der Begründung, die Vorstellung des Berichts sei politisch motiviert. Das Verhältnis der Regierung zur Bevölkerung ist sehr problematisch. Für mich ist es deshalb keine Überraschung, dass sie es geblockt haben.

Das eritreische Militär soll an der Entführung tausender Flüchtlinge beteiligt sein. Tesfamichael Gehratu, Botschafter Eritreas in Großbritannien, hat dies gegenüber der BBC als "glatte Lüge" bezeichnet.

Das war sehr interessant. Gehratu wurde darauf angesprochen, ob das Militär involviert ist. Er sagte, die Institution sei nicht darin verwickelt. Was uns die Betroffenen im Interview erzählt haben, zeigt aber deutlich, dass das Militär den Menschenhandel unterstützt. Und dass das Militär und die Polizei im Sudan zusammenarbeiten und den Handel mitorganisieren. Es besteht meiner Ansicht nach kein Zweifel daran. Gehratu sprach auch über die Kooperation von Sudan, Ägypten und Israel. Es gibt viele Verbindungen, etwa zur sudanesischen Polizei und dem Militär. Das ist das Problem. Es bestehen Kooperationen beim Handel und dabei, die Menschen wieder zurück nach Eritrea zu treiben. Aber es gibt keine Kooperation, um die Eritreer zu schützen.

Ihren Report haben Sie unter anderem im Europäischen Parlament in Brüssel EU-Kommissarin Cecilia Malmström vorgestellt (PDF). Wie sind die bisherigen Reaktionen ausgefallen und was erhoffen Sie sich nun von Ihrem Bericht?

Natürlich haben wir Hoffnung, sonst hätten wir diesen Report nicht erarbeitet. Malmström war sehr bewegt. Sie nahm sich viel Zeit. Doch all diese Verbrechen gehen weiter, einschließlich der Gewalt gegen Kinder, ebenso der Einfluss des Militärs. Wichtig wären Schutz und Überwachung. Die Geiseln brauchen Hilfe und dürfen nicht zurückgeschickt werden. Denn in Eritrea drohen ihnen Verfolgung und Folter. Das stellt eine klare Verletzung der Genfer Flüchtlingskonvention dar. Wir wollen, dass Europa sie nicht als Wirtschaftsflüchtlinge behandelt, sondern als politische Flüchtlinge, die des Schutzes bedürfen. Sie müssen als Opfer politischer Gewalt und Folter gesehen werden.

Werden Sie Ihre Dokumentation über den Menschenhandel im Sinai fortsetzen?

Definitiv. Für unser nächstes Buch wollen wir die Bedürfnisse der Flüchtlinge in den Fokus stellen. Sie sind sehr schwer traumatisiert. Darum geht es uns nun darum, was die Opfer benötigen. Jonathan zum Beispiel hat beide Hände verloren. Sie haben ihn in den Folterlagern stundenlang aufgehängt, bis sie abgestorben sind. Was kann er denn noch tun ohne Hände? Er ist ein hochintelligenter Mann, der einen Beitrag für die Gesellschaft und auch Wirtschaft leisten kann. Doch dafür benötigt er Hilfe.

Linktipps: Bereits 2012 haben Mirjam van Reisen, Meron Estefanos und Conny Rijken auf der Basis von Interviews einen Report zum Thema veröffentlicht: "Human Trafficking in the Sinai: Refugees between Life and Death". Im selben Jahr hat sich die damalige Bundesregierung zum Menschen- und Organhandel auf der Halbinsel Sinai als Antwort auf eine Anfrage von Abgeordneten und der Fraktion DIE LINKE geäußert. Michael Obert hat für das SZ-Magazin zum Menschenhandel im Sinai recherchiert. Seine Erfahrungen schildert er im Interview.

© Süddeutsche.de/mcs/mati/rus