Mauerfall 1989 Privatisieren statt sanieren

Der Fall der Berliner Mauer war ein historisches Datum - aber seine Folgen werden schöngeredet. Zwei Bücher melden leise Kritik an.

Von Franziska Augstein

Die deutsche Einheit soll heuer gefeiert werden, und sie wird gefeiert - nicht übertrieben, nicht nationalistisch, aber mit unbeirrbarem Willen. An den Kathedern und in Ministerialbüros, in den Redaktionen und in den Zirkeln der Einflussreichen wirkt der Geist von Doktor Pangloss: Die Vereinigung hätte nicht besser vonstatten gehen können, und folglich leben die Deutschen in der besten aller Welten.

Der Tag danach: Berliner haben die Mauer vor dem Brandenburger Tor erklommen - überwunden wurde sie schon am Vorabend. Das Foto entstand am 10. November 1989

(Foto: Foto: AP)

Dr. Pangloss und sein Konsilium wollen nicht mehr wahrhaben, dass sich die Umstände der Einigung nicht zuletzt aus Helmut Kohls Bedürfnis ergaben, die Weichen für seine Wiederwahl zu stellen. Dafür war der Kanzler bereit, das Schiefe geradezureden und den Deutschen vorzumachen, die Einheit würde sie nichts kosten.

Sein Interesse war es nicht, sich mit Experten darüber zu beraten, wie man die Einheit zustande bringen könne, ohne dass die ostdeutsche Wirtschaft dabei zugrunde ging. Im Gegenteil: Die CDU hat damals das Vereinigungsstreben der Ostdeutschen mit aus Bonn herbeigeschafften Deutschlandfahnen und anderen Utensilien nach Kräften angeheizt.

Privatisieren vor Sanieren

Konsens ist, dass die Währungsunion schnellstmöglich habe herbeigeführt werden müssen, weil anderenfalls Fachkräfte in Scharen von Ost- nach Westdeutschland gestrebt hätten. Der Rat der Wirtschaftsweisen und der Chef der Bundesbank hatten sich gegen die überstürzte Währungsunion ausgesprochen. Denen wurde vorgehalten, dass ihre Einwände zwar berechtigt seien, nun aber das Politische wichtiger sei als die Ökonomie.

Auch wenn man konzediert, dass Helmut Kohls erstes Interesse verständlicherweise darin bestand, die Wahlen 1990 und 1994 zu gewinnen, könnte man doch heute zumindest fragen, ob der Kanzler klug gehandelt hat, als er darauf drang, dass die Treuhand sämtliche ostdeutschen Unternehmen bis Ende 1994 privatisierte.

Etliche Monate lang wurden bis zu 600 Unternehmen pro Tag verscheuert. In den Blättern für deutsche und internationale Politik hat Werner Rügemer, ein Fachmann für Wirtschaftskriminalität, 2005 festgestellt: Das Motto sei gewesen: "'Privatisieren geht vor Sanieren' ... Der Wettbewerb blieb ausgeschaltet." Die Käufer durften selbst angeben, für wie wertvoll sie die DDR-Unternehmen hielten.

Natürlich waren die DDR-Unternehmen nun offiziell so gut wie nichts mehr wert. In der Folge mussten die westdeutschen Steuerzahler die neuen Bundesländer in Billionenhöhe subventionieren. Und ostdeutsche Fachkräfte verlassen ihre Heimat nach wie vor in Scharen. Diese Dinge müssten anlässlich des Datums 20 Jahre Mauerfall erörtert werden. Es gibt auch Leute - unter ihnen viele Ostdeutsche -, die dazu in der Lage wären. Aber ihre Meinung ist selten gefragt.

Zu den besseren Publikationen, die des Mauerfalls gedenken, gehört der Sammelband "Revolution und Vereinigung". Der Wirtschaftshistoriker André Steiner stellt darin fest, die Einigung sei Ergebnis eines politischen Kompromisses gewesen, "der von den ökonomischen Gegebenheiten und Notwendigkeiten weit entfernt war".

Ralf Ahrens zufolge war die Devisenbilanz der DDR zwar miserabel, doch sei ihr erst nach der Währungsunion der Rest gegeben worden: Der Export in westliche Länder brach schlagartig um ein Drittel ein, und die osteuropäischen Länder konnten sich die Bezahlung in harter D-Mark nicht mehr leisten.

Der omnipräsente Theologe Richard Schröder wurde eingeladen, auch einen Kommentar zu verfassen. Schröder ist der Auffassung, "der Alltag unter den beiden Diktaturen" - er meint das SED-Regime und die Hitler-Diktatur - sei "leider doch sehr ähnlich gewesen, ob das nun passt oder nicht".

Ein einziges sachliches Argument trägt Schröder vor, um seine Ansicht zu begründen: Die Ähnlichkeit ergebe sich daraus, dass die Nazis nur zwölf Jahre lang herrschten, wohingegen die SED 45 Jahre Zeit gehabt habe, die Menschen nach ihrem Bild zu formen. Mehr sagt Schröder nicht, seine Argumentation ist ein bisschen dürftig.

Leipzig vor 20 Jahren

"Wir sind das Volk!"