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Matthias Platzeck und das BER-Desaster:Deichgraf auf dem Rollfeld

Der Pannen-Flughafen wird in Brandenburg gebaut, das Land ist in gleichem Umfang daran beteiligt wie Berlin. Und doch bekommt vor allem Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit den ganzen Ärger ab. Während Matthias Platzeck so beliebt ist wie eh und je. Erklärungsversuch eines Phänomens.

Es ist ein Phänomen. Brandenburg ist wie Berlin mit 37 Prozent am Pannen-Flughafen beteiligt. Die Baustelle steht in Brandenburg. Es sind brandenburgische Genehmigungsbehörden, die "den Murks" am Flughafen nicht mitmachen wollen. Und doch bekommt vor allem einer den Ärger ab: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit.

Der SPD-Politiker, einst als Kanzlerkandidat gehandelt, muss Rücktrittsforderungen, miese Umfragewerte und Schmähungen ertragen. Seit Ende Mai 2012 der Eröffnungstermin so kurzfristig platzte, steht er unter Druck. Als am Sonntag bekannt wurde, dass der Flughafen auch 2013 nicht fertig wird, beugte sich Wowereit und gab zumindest seinen Posten als Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft auf. Die Opposition im Abgeordnetenhaus bereitet ein Misstrauensvotum gegen ihn vor.

Jetzt soll es Matthias Platzeck richten, der Ministerpräsident von Brandenburg, das Phänomen. Wowereits Amtskollege und SPD-Parteifreund sitzt in Potsdam verhältnismäßig entspannt in seinem Sessel. Hier und da wird eine Rücktrittsforderung laut, aber die Brandenburger wollen weiterhin ihn und keinen anderen. In Umfragen liegt seine SPD knapp einem Jahr stabil bei mehr als 35 Prozent. Die Wirren um den Flughafen scheinen ihm wenig anhaben zu können.

Das liegt auch an der Größe des dünnbesiedelten Flächenlandes Brandenburg. Von Perleberg im nordwestlichsten Zipfel des Landes dauert es mit dem Auto zum neuen Flughafen knapp zwei Stunden. Für die Perleberger sind die Probleme um den Airport sehr weit weg.

Anders als Wowereit ("Berlin ist arm, aber sexy") hat Platzeck nie polarisiert. In seinem Umfeld wird er schlicht als ebenso netter wie verbindlicher Mensch beschrieben. In seiner Karriere gibt es keine erkennbaren Skandale oder Brüche. Als Landesumweltminister hat er sich während der verheerenden Oderflut 1997 den Respekt seiner Landsleute erworben. Danach wurde er nur noch anerkennend "Der Deichgraf" genannt.

Als er im April 2006 nach nur fünf Monaten vom Posten des SPD-Bundesparteichefs zurücktrat, hatte er viele Sympathien auf seiner Seite. Platzeck hatte zuvor zwei Hörstürze erlitten. Er bekannte er sich offen dazu, dass ihn die Doppelbelastung Ministerpräsident und Chef der Bundespartei überfordert habe.

In der Krise um den Flughafen-Neubau macht Platzeck jedoch keine glückliche Figur. Alle Fehler, die Wowereit vorgeworfen werden, gehen auch auf seine Kappe. Wie Wowereit hätte er im Aufsichtsrat die Katastrophe voraussehen und handeln müssen.

Aber Platzeck geht offener damit um. Im Sommer 2012, nach der Eröffnungs-Pleite, ging Wowereit erst mal in den Urlaub, tauchte unter, war unerreichbar. Platzeck sagte alle Urlaubspläne ab, wanderte stattdessen mit seinen Kindern ein paar Tage durch die Region, blieb auf seinem Posten. Ein symbolischer Akt zwar, aber einer der zeigen sollte: Platzeck kümmert sich. Während Wowereit versuchte, das Problem kleinzureden, erkannte Platzeck offenbar, dass allein die Kosten für die bisherige Verzögerung beim Flughafen-Bau inzwischen den gesamten Hochschuletat seines Landes übersteigen. Er ging raus ins Land und redete mit den Leuten. Er gab den Deichgraf auf dem Rollfeld. Wowereit reagierte dagegen zunehmend entnervt auf Fragen nach dem Flughafen.

Jetzt, im Januar 2013, dasselbe Bild: Wowereit wirkt getrieben. Er gibt nur den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden ab, mehr nicht. Die Kritik im Abgeordnetenhaus will er aussitzen, seine rot-schwarz Koalition unterstützt ihn dabei. Platzeck dagegen bindet seine politische Zukunft an den Flughafen, will von sich aus die Vertrauensfrage stellen. "Ich knüpfe mein Schicksal an den Flughafen. Das ist so, und das will ich", sagt er.

Platzeck hat sofort Vorschläge auf den Tisch gelegt, welche die Aufsicht über den Flughafenbau besser ermöglichen sollen. Der umstrittene Flughafen-Manager Rainer Schwarz muss wohl gehen. Stattdessen solle es einen "klaren Vorsitzenden" der Geschäftsführung geben. Schwarz hatte sich selbst immer nur als Sprecher der Geschäftsführung bezeichnet, und damit seine eigene Verantwortungslosigkeit dokumentiert. Neben Technik-Chef Horst Amann soll es einen neuen Finanzvorstand geben. Beide würden dann an den Geschäftsführer berichten. Platzeck will externe Sachverständige in den Aufsichtsrat holen und ein eigenes Berichtssystem installieren.

Alles Dinge, die auch Wowereit schon hätte anpacken können. Aber entweder fehlt ihm der Mut oder der Wille, öffentlich für solche Veränderungen zu werben.

Platzeck übernimmt den Job in einer riskanten Phase. Einen neuen Eröffnungstermin gibt es noch nicht. Der soll erst in einem halben Jahr feststehen. Sicher ist nur: Irgendwann 2014 soll es passieren.

Wobei - sicher ist auf diesem Flughafen gar nichts mehr. Platzecks Problem: Irgendwann 2014, voraussichtlich im September, wird in Brandenburg gewählt. Wenn dann wieder die Termine nicht zu halten sind, könnte es auch für ihn eng werden. Er steht ab sofort als Aufsichtsratschef unter besonderer Beobachtung.

© SZ.de/mikö/gba

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