Geschichte:Stadt ohne Gedächtnis

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Geschichte: Die Stadt Magdeburg auf einem Stich aus den 1570er Jahren. Das Ratsarchiv ging während der Zerstörung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg vollständig verloren.

Die Stadt Magdeburg auf einem Stich aus den 1570er Jahren. Das Ratsarchiv ging während der Zerstörung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg vollständig verloren.

(Foto: Stadtarchiv Magdeburg)

Das Archiv Magdeburgs ist mehrfach fast vernichtet worden. Ein Historiker versucht nun, den Einwohnern die Erinnerungen zurückzugeben.

Von Jan Heidtmann, Magdeburg

Christoph Volkmar ist Chef des Magdeburger Stadtarchivs und damit Herr über zehn Kilometer Akten. Das ist ziemlich genau die Strecke, die man als Schüler beim Ausdauertraining rennen musste, also eine ganze Menge an Papier. Baupläne, Heiratsbücher, Geburts- oder Sterbeurkunden, einsortiert in Tausende hellblauer Kartons, die hier in den Depoträumen der ehemaligen Zuckerfabrik lagern. Zehn Kilometer - wenn man nicht gerade rennt, bräuchte man zwei Stunden, um sie abzulaufen. Und trotzdem sagt Volkmar: "Die Amnesie des Stadtarchivs ist beispiellos."

Zwei Kriege und 40 Jahre SED-Regiment haben riesige Lücken in den historischen Bestand der Unterlagen gerissen. Mehr als in jeder anderen deutschen Stadt. Deshalb hat Volkmar mit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren ein Projekt begonnen, dass der Historiker "Magdeburger Spuren" nennt. Es ist der Versuch, die Erinnerungslücken über die Erinnerungen anderer zu füllen. "Solch ein Projekt gibt es sonst in Deutschland nicht", sagt er.

In der Pilotphase des Projektes, die gerade ausgelaufen ist, haben Volkmar und seine Mitstreiter die Archive der wichtigsten Handelspartner und Alliierten Magdeburgs durchforstet. Braunschweig, Dresden und Weimar gehörten dazu, aber auch das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. "Eine unglaubliche Schatzkammer", meint Volkmar. Mit rund 500 Dokumenten hatten sie gerechnet, tatsächlich sind es bislang 800 geworden. Darunter auch ein von Hand verfasster Brief des mächtigen Magdeburger Politikers und Erfinders Otto von Guericke von 1625, der in der Leipziger Universitätsbibliothek verstaubte.

Geschichte: Unter den 800 bislang gefundenen Dokumenten ist auch ein Brief des Magdeburger Bürgermeisters und Erfinders Otto von Guericke.

Unter den 800 bislang gefundenen Dokumenten ist auch ein Brief des Magdeburger Bürgermeisters und Erfinders Otto von Guericke.

(Foto: Hans-Joachim Arndt/PantherMedia)

Alle Fundstücke werden nach und nach aufbereitet und auf der Webseite des Stadtarchivs veröffentlicht. Eine der wichtigsten Zeitungen in Sachsen-Anhalt, die Magdeburger Volksstimme, widmete einer neu erworbenen Umlandkarte fast eine ganze Seite. Zugleich wollten sich immer mehr Bewohner an dem Projekt beteiligen, erzählt Volkmar. Bis nach Tallinn reichten so inzwischen Magdeburgs Spuren; eine Familie habe kürzlich gar angeboten, bei ihrem Urlaub im Elsass nach weiteren Trouvaillen zu suchen. "Magdeburg hält seine Geschichte heute wieder sehr hoch."

Welche Geschichte, mag sich da manch Außenstehender fragen. Magdeburg, genau, das ist doch diese Agglomeration zwischen Berlin und Hannover, bei der nicht einmal der ICE hält. Landeshauptstadt des Bindestrichbundeslands Sachsen-Anhalt. Gut 230 000 Menschen leben hier, einst ein Vorzeigeprojekt sozialistischer Stadtplanung, inzwischen ein auf den ersten Blick recht trister Ort. Doch Magdeburg gehörte einst zu den bedeutendsten Städten Deutschlands. Magdeburg war Bischofssitz und Hochburg der Reformation.

1631, während des Dreißigjährigen Krieges, wurde die gut gesicherte Stadt von den kaiserlichen Truppen eingenommen, die fast 20 000 Einwohner massakrierten. "Diese Stadt so zuvor an Reichtum, Stärke, Kaufmannschaft und anderer Nahrung der berühmtesten eine gewesen ist, ist innerhalb von 48 Stunden so erbärmlich ruiniert, ihr Gedächtnis erloschen, ihr Reichtum zerschmolzen und auf den Grund ausgebrannt ...", zitiert der Historiker Herfried Münkler in "Der Dreißigjährige Krieg" einen Soldaten, der die Schlacht erlebt hat. "Magdeburgisieren" wurde daraufhin zum Synonym für vollständige Zerstörung.

Dazu gehörte auch das gesamte Ratsarchiv. "Diese Tabula rasa zu so einem frühen historischen Zeitpunkt, das gab es sonst nicht", sagt Volkmar. Natürlich wurden in Kriegen auch Depots anderer Städte zerstört, aber meist erst später, als Historiker bereits die Bestände aufgearbeitet hatten. Nicht so in Magdeburg, wo 1631 kaum etwas von der schon damals 800jährigen Stadtgeschichte übrigblieb.

"Eine europäische Stadt ohne Geschichte funktioniert nicht"

Den nächsten Einschnitt mussten die Magdeburger Archivare zwar erst gut 300 Jahre später erleben, dafür war aber auch der so heftig, "dass beinahe von einer zweiten Zerstörung zu sprechen ist", meint Volkmar. Wegen des Luftkriegs in einem Salzschacht versteckt, wurde ein großer Teil der Archivbestände 1945 bei einem Brand in den Tunnelanlagen vernichtet.

Das Projekt "Magdeburger Spuren" sei da "gesellschaftliche Basisarbeit", meint Volkmar. "Eine europäische Stadt ohne Geschichte funktioniert nicht." Die Vergangenheit sei wichtig zur Selbstvergewisserung, sie liefere die Bausteine, "auf die eine Gesellschaft aufgebaut ist". Und ohne zuverlässige Überlieferungen, "gibt es Mythenbildung", warnt Volkmar. So kursierte vor Kurzem die Legende in der Stadt, der Broadway in New York gehe auf Auswanderer aus Magdeburg zurück, die im Breiten Weg gelebt hätten. Selbst die Lokalzeitung berichtete darüber, doch die Archivare der Stadt konnten den Mythos schnell entzaubern.

Geschichte: Christoph Volkmar versucht mit dem Projekt "Magdeburger Spuren" die Lücken im Archiv der Stadt mit Dokumenten aus anderen Städten zu füllen.

Christoph Volkmar versucht mit dem Projekt "Magdeburger Spuren" die Lücken im Archiv der Stadt mit Dokumenten aus anderen Städten zu füllen.

(Foto: Landeshauptstadt Magdeburg)

Christoph Volkmar ist 44. Durch seine gestenreiche, lebendige Art, mit der er von teils 400 Jahre alten Schriftstücken erzählt, wirkt der Historiker jedoch manchmal fast jungenhaft. Er ist in Leipzig geboren und hat den größten Teil seines Lebens in Sachsen und Sachsen-Anhalt verbracht. Zwei Diktaturen, erst die Nationalsozialisten und dann die Sozialisten, hätten den Osten Deutschlands einer funktionstüchtigen Bürgergesellschaft beraubt. "Die SED war sehr erfolgreich darin, dieses Wissen zu tilgen", sagt er. "Es geht immer noch darum, nach 40 Jahren schwarz/weiß das Panorama des historischen Erbes wieder mit Farbe zu füllen." Dazu gehöre auch, zu zeigen, dass Magdeburg mehr war, als eine Aneinanderreihung von Plattenbauten. "Dieses Selbstbewusstsein müssen wir der Stadt zurückgeben."

Auch deshalb hofft er, dass das Magdeburger Projekt in anderen Stadtarchiven Schule macht. Denn meist geht die gründliche Aufarbeitung der frühen Vergangenheit im Alltag der Archivarbeit unter. Volkmar geht davon aus, dass es mindestens noch ein Jahrzehnt dauert, bis über die "Magdeburger Spuren" das frühe Leben in der Stadt zumindest wieder in Teilen erschlossen sein wird. "Potenziell ist dieses Projekt endlos", sagt Volkmar.

Erste Erfolge gibt es aber bereits heute. Bei Bauarbeiten außerhalb der früheren Stadtmauern waren die Arbeiter kürzlich auf Skelette aus dem Spätmittelalter gestoßen, manche waren eindeutig von Gewalttaten gezeichnet. Ein Rätsel für die Historiker, denn bislang ging man davon aus, dass die Toten in dieser Zeit innerhalb der Stadtmauern begraben worden waren. Ein Dokument, auf das Volkmar und sein Team zufällig bei ihren Recherchen gestoßen waren, verwies jedoch auf einen Friedhof genau am Ort der Baustelle. "Wir konnten unsere Arbeit tun und die Frage durch das virtuell wieder auferstandene Archiv beantworten", erzählt Volkmar. "Das war schon ein besonderer Moment."

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