Mafia-Jäger Raffaele Cantone:"Die Mafia beherrscht die Wirtschaft"

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Staatsanwalt Raffaele Cantone hat die Bosse der Camorra hinter Gitter gebracht. Der Preis: die persönliche Freiheit. Ein Gespräch über Angst, Drogen in Neapel und seinen Freund Roberto Saviano.

Michael König

Raffaele Cantone, 46, war von 1999 bis 2007 leitender Staatsanwalt der Antimafia-Behörde in Neapel und an allen großen Prozessen gegen die Camorra-Clans beteiligt. Inzwischen arbeitet er am Kassationsgericht in Rom. In dem kürzlich veröffentlichten Buch "Allein für die Gerechtigkeit" berichtet er, wie die Camorra zunächst versuchte, seinen Ruf zu zerstören - und schließlich ihn selbst. Cantone lebt mit seiner Familie in Neapel unter ständigem Polizeischutz. Zum Interview in einem Berliner Hotel kommt er mit offenem Hemd und ohne Leibwächter. Er verzichtet auf die eigens gemietete Suite und möchte das Gespräch in der Lobby führen.

sueddeutsche.de: Signor Cantone, wo hat sich Ihre Leibgarde versteckt?

Raffaele Cantone: Die ist zu Hause geblieben. In Deutschland passt die hiesige Polizei auf mich auf, sobald ich das Hotel verlasse. Das ist mit der italienischen Polizei so abgesprochen. Meine Familie wird derweil ständig von der italienischen Finanzpolizei bewacht. Und vor unserem Haus steht rund um die Uhr ein Wagen der Carabinieri.

sueddeutsche.de: Es muss Ihnen wie Urlaub vorkommen, dass wir hier so entspannt sitzen können.

Cantone: Ach, ich habe mich an diese Sicherheitsmaßnahmen gewöhnt. Das ging schon 1999 los, damals mit einem Leibwächter und einem gepanzerten Fahrzeug. Seit 2003 gibt es durchgehenden Polizeischutz für mich und meine Familie. Ich achte schon gar nicht mehr darauf. Es schränkt natürlich meine persönliche Freiheit ein, aber ich will nicht klagen: Ich bin dem italienischen Staat dankbar, dass er mich für schützenswert hält.

sueddeutsche.de: Sie haben als Antimafia-Staatsanwalt diverse Angehörige der neapolitanischen Camorra ins Gefängnis gebracht. Sie dürften auf der Abschussliste ganz oben stehen.

Cantone: Ja, aber das blende ich aus. Meistens mit Erfolg. Auch wenn ich nicht leugnen will, dass ich hin und wieder schon mal nervös werde, wenn mir auf der Straße oder im Supermarkt ein merkwürdiges Gesicht begegnet.

sueddeutsche.de: Sie erkennen ein Mitglied der Camorra an seinem Gesicht?

Cantone: Manchmal macht mich ein ungepflegter Bart stutzig. Manchmal ist es auch sehr teure Kleidung. Es sind Details, die mich darauf schließen lassen, dass eine Person zu einem bestimmten Umfeld gehört. Ich habe das im Gefühl.

sueddeutsche.de: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die Camorra versuchte, Sie mit Flugblättern und falschen Anschuldigungen zu diskreditieren. Später wurde publik, dass Attentate auf Sie geplant waren. Halten die Drohungen an?

Cantone: Zuletzt wurde mir 2008 gedroht, obwohl ich schon nicht mehr bei der Antimafia-Einheit tätig war. Das war im Rahmen des Spartacus-Antimafia-Prozesses. Einer der Anwälte der angeklagten Mafiosi verlas im Gerichtsaal eine Erklärung, wonach ich die Kronzeugen manipuliert und Roberto Saviano sowie die Journalistin Rosaria Capacchione gegen den Richter aufgehetzt haben soll. Das war eine Botschaft an die anwesenden Mafia-Bosse: Wenn ihr verurteilt werdet, ist Cantone daran schuld.

sueddeutsche.de: Der Autor Saviano beklagt sich darüber, dass er wegen der ständigen Gefahr keine Frau findet, um eine Familie zu gründen. Sie hingegen müssen ständig um die Gesundheit ihrer Frau und ihrer Kinder bangen. Wer von Ihnen hat die größeren Sorgen?

Cantone: Das kann man nicht miteinander vergleichen. Für ihn war das Leben unter Polizeischutz ein Schock, und ich glaube, dass es ihm geholfen hat, mit einem Veteranen wie mir darüber sprechen zu können. Wir sind Freunde geworden. Er sorgt sich um sein Leben, ich auch um das meiner Familie. Aber ich glaube, dass die Camorra derzeit ohnehin kein Interesse daran hat, ihn oder mich zu ermorden. Das würde uns zu Märtyrern machen und den Druck auf die Mafia nur verstärken. Solange ich in Deutschland unterwegs bin, habe ich im Übrigen ohnehin nichts zu befürchten.

sueddeutsche.de: Was macht Sie so sicher?

Cantone: Die Mafia ist zwar schon seit Jahren sehr aktiv in Deutschland. Sie nutzt ihre Territorien außerhalb Italiens aber normalerweise nur für zwei Zwecke: Für Mafiosi, die sich auf der Flucht befinden und hier Unterschlupf suchen - und für die Geldwäsche. Deshalb ist die Mafia in Deutschland kaum sichtbar. Das Attentat in Duisburg 2007 war die große Ausnahme.

Auf der nächsten Seite erklärt Raffaele Cantone, warum er den Machenschaften der Mafia mit Sachlichkeit begegnet - und wo sich der größte Drogenmarkt Europas befindet.

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