Frankreich:Paris ist pikiert

Frankreich: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und seine Berater mühen sich, Zahlen zur militärischen Unterstützung der Ukraine ins rechte Licht zu rücken.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und seine Berater mühen sich, Zahlen zur militärischen Unterstützung der Ukraine ins rechte Licht zu rücken.

(Foto: Ludovic Marin /AFP)

Ist Frankreichs Hilfe für die Ukraine groß genug? Daran gibt es Zweifel. Jetzt besucht Selenskij Macron - und der nennt erstmals Zahlen zur französischen Unterstützung. Auch wenn unklar bleibt, wie die sich zusammensetzen.

Von Oliver Meiler, Paris

Niemand soll an Paris zweifeln, auf keinen Fall. Im Élysée ist man zunehmend verärgert darüber, dass Frankreich für seine angeblich spärliche und undurchsichtig gehaltene militärische Unterstützung der Ukraine kritisiert wird. Pikiert - das trifft es wohl am besten.

Zieht man die Zahlen des Kiel-Institutes für Weltwirtschaft heran, das die zugesagte Unterstützung der Länder für die Ukraine summiert, steht Frankreich mit seiner militärischen Hilfeleistung von etwas mehr als einer halben Milliarde Euro ziemlich weit unten in der Rangliste der Geber. Lange kam die Kritik fast ausschließlich aus dem Ausland, im Besonderen aus Deutschland, das ein Vielfaches davon leistet. In Frankreich selbst wurde die Angelegenheit ausgeblendet, was auch daran lag, dass im Land die Schätzung einer parlamentarischen Kommission herumgereicht wurde: Die kam im vergangenen November auf 3,4 Milliarden Euro. Das war immer noch viel weniger als die mehr als 17 Milliarden Euro aus Deutschland. Doch es hörte sich gleich nach viel mehr an.

Macron hat seine Reise in die Ukraine vertagt - ohne festen Termin

Nun aber, im Vorfeld des Besuchs des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij am Freitagabend in Paris, wo er wie davor in Berlin einen bilateralen Sicherheitspakt unterzeichnen sollte, mussten sich die politischen Berater des französischen Präsidenten schon sehr anstrengen, um die Diskrepanz auch den Franzosen einigermaßen plausibel zu erklären.

Das war umso komplizierter, als Emmanuel Macron eigentlich in der ersten Februarhälfte in die Ukraine reisen wollte, die Visite aber ohne Begründung und ohne Termin vertagt hatte. Es sei nicht nötig, daraus eine größere Sache zu machen, heißt es dazu aus dem Palast, damit sitze man nur der Propaganda aus Moskau auf. Macron stehe Selenskij schon lange sehr nahe. Diese Nähe sei nur noch stärker geworden. Macron gehöre ja auch nicht zufällig zu den größten Fürsprechern der Ukraine, wenn es um deren Kandidatur für eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union gehe.

Aber was ist mit den Zahlen zur militärischen Hilfe? Für Le Parisien war es "endlich" Zeit, dass der Palast klare Zahlen präsentiere. Macrons Entourage wiederum hatte im Vorfeld des Selenskij-Besuchs betont, man sei nun mal nicht interessiert an dieser "guerre des chiffres", an diesem Zahlenkrieg also. Zahlen seien "schwierig zu lesen". Es müsse auch die "Qualität" der Hilfe angeschaut werden, dann werde es schnell etwas "komplexer". Insinuiert wurde damit einmal mehr, dass die Deutschen qualitativ nicht die allerbeste, sofort einsetzbare Ware an die Ukraine lieferten. Jedes Land helfe mit den Bordmitteln, die es habe. Frankreich zum Beispiel sei "in führender Rolle bei der Artillerie und in der Luftabwehr", während andere Staaten auf anderen Gebieten stark seien - die Briten etwa mit ihren Drohnen.

Und Kampfjets aus Frankreichs? Gibt es vorerst keine

Die Zahlen gab es am Freitagabend, als Macron und Selenskij ihr Abkommen vorstellten, dann trotzdem. Frankreich habe der Ukraine 2022 militärische Hilfe im Wert von 1,7 Milliarden und 2023 im Wert von 2,1 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, insgesamt also 3,8 Milliarden Euro, rechnet der Élysée vor. Und man werde dem angegriffenen Land im laufenden Jahr mit bis zu drei weiteren Milliarden Euro helfen. Macron versicherte beim gemeinsamen Auftritt mit dem ukrainischen Präsidenten: "Unsere Entschlossenheit ist so stark wie am ersten Tag, und sie wird sich nicht abschwächen."

Frankreich will auch daran gemessen werden, dass es seit Beginn des Krieges schon 10 000 ukrainische Soldaten ausgebildet habe. Und bald sollen auch Piloten trainiert werden. Kampfjets des Typs Mirage 2000 werde man aber vorerst keine liefern, heißt es, weil die Ukrainer sich auf den Einsatz von F-16 konzentrierten. Es sei unsinnig, diese "Kohärenz" aufzubrechen, man habe das schon oft genug gesagt. Der Tonfall passt zur Pikiertheit.

Macron stellte neulich in Aussicht, dass die nationale Rüstungsproduktion hochgefahren werde, wie das in einer "Kriegswirtschaft" der Fall sei - und die Fabrikation werde direkt auf die Bedürfnisse der Ukraine ausgerichtet. Im Zentrum der Anstrengung soll der Konzern Nexter stehen, der die Kanonenhaubitze Caesar herstellt. Nexter ließ ausrichten, es könne schnell 78 Caesars an die Ukraine liefern, doch es habe erst 18 verbindliche Bestellungen erhalten. An fehlender Werbung kann es nicht liegen: Paris hatte vor einem Monat einen Aufruf ans Ausland gerichtet, es möge Haubitzen für die Ukraine in Frankreich kaufen.

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